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Dr. Holger Lund
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Borderline

Chan-Kyong Park und Katja Dell im Kunstverein Schorndorf

24.01.-16.02.2003

Eröffnung Freitag, 24. Januar, 20.00h, Vernissage

Text von Cornelia Lund (zu Katja Dell) und Holger Lund (zu Chan-Kyong Park)

Die Ausstellungskonzeption

Die Ausstellung Borderline setzt die Methode des Vergleichs, welche die Fotokünstler Chan-Kyong Park und Katja Dell in ihren Arbeiten einsetzen, in der Gegenüberstellung ihrer Arbeiten konzeptionell fort.

Beide Künstler widmen sich Grenzen, deren Darstellung oder Nicht-Darstellung.

Parks Fotoserien thematisieren die Grenze zwischen Nord- und Südkorea sowie den subtilen Wahnsinn um und an dieser Grenze.

Dells Fotoserien konfrontieren über die geographischen Grenzen hinweg drei Disney-Parks miteinander - die Parks in Tokyo, Los Angeles und Paris -, um die subtilen Differenzen im scheinbar Gleichen herauszuarbeiten - und das Gleiche im scheinbar Anderen.

Im Vergleich der Arbeiten beider Künstler sind dieselben imperialen Strategien zu erkennen, geschult an medialen, insbesondere filmischen Simulationen. Während Park sich mehr an militärische Imperialstrategien verknüpft mit filmischen Kontexten - z.B. Filmstills oder Militärkulissen - hält, setzt Katja Dell auf zivilwirtschaftliche Imperialstrategien, nicht minder verknüpft wiederum mit filmischen Kontexten - z.B. die kulissenhaften Aufbauten in den Disneyparks. Künstlerisch wird jeweils die Welt in ihrer Kulissenhaftigkeit und ihrem simulativen Charakter bloßgelegt, was bleibt, ist die Frage nach der Grenze: Was steckt hinter der Kulisse, hinter der Simualtion? Antworten darauf versuchen nun Cornelia für Katja Dell und ich selbst für Chan-Kyong Park zu finden.

Chan-Kyong Park

Park wurde 1965 in Seoul geboren. Er studierte Kunst an der Seoul National University und Fotographie am California Institute of the Arts in Los Angeles. Er arbeitet seit 1995 als Künstler und Schriftsteller und lehrt an der Korean National University of the Arts in Seoul.

2002 war er Stipendiat der Akademie Schloss Solitude in Stuttgart.

Seine Arbeiten kreisen thematisch um den Korea-Konflikt, die Teilung des Landes und deren Folgen. Dabei entwickelt er gleichsam eine Bildwelt des Kalten Krieges, jedoch nicht als platt-plakative politische Kunst, sondern eher als politisch relevante Kunst. Das gilt auch für seine hier gezeigten Arbeiten, die Fotoserien.

Unter dem Titel Two Adequate (descriptive) Systems - zwei gleichwertige (beschreibende) Systeme - sind zwei Fotoserien mit jeweils vier Bildern ausgestellt. Die erste Fotoserie zeigt Aufnahmen von Camp Edward, einem US-Militärcamp in Süd-Korea. Seit dem koreanischen Krieg (1950) sind Tausende von US-Soldaten in Korea stationiert. Die Fotos wurden heimlich vom Zug aus gemacht, denn Aufnahmen von Militärcamps sind verboten.

Die zweite Fotoserie entstammt einem südkoreanischen Film mit dem Titel Mayumi. Die Leserichtung der Serie ist asiatisch, also von rechts nach links in der zeitlichen Abfolge. Mayumi war der Deckname für einen angeblich nord-koreanischen Geheimagenten, der dafür verurteilt wurde, dass er 1987 eine Bombe in der Korean Air Line 858 installiert haben soll. Bis heute halten die Spekulationen über das vermisste Flugzeug an. Mayumi arbeitet inzwischen - unter anderem Decknamen - für den Geheimdienst in Südkorea.

Der fiktionale Film Mayumi wurde 1990 gedreht, die Explosionssequenz des Flugzeugs wurde samt Spezialeffekten in Hollywood produziert.

Die Portraits der beiden nord-koreanischen Regierungschefs sind manipuliert und dadurch gegenüber den tatsächlichen Gesichtern verändert, denn das südkoreanisches Publikum durfte diese nicht zu Gesicht bekommen: Ein nicht uninteressantes Aufleben magischer Bildvorstellungen, als könnte das südkoreanische Volk durch den Anblick der nordkoreanischen Führer dazu verführt werden, geschlossen nach Nordkorea überzulaufen. Hysterie, Absurdität und Magie bestimmen hier also die filmische Bildproduktion.

Film, Militär, Simulation und Manipulation dienen bei Parks Arbeiten als thematische Koordinaten. Und adäquat, gleichwertig, wie im Titel der beiden Serien erwähnt, gleichwertig sind die Fotoserien durchaus hinsichtlich der Verbote, welche die Bildproduktion flankieren: sei es das Verbot, mit dem Militärcamp imperialisierte südkoreanische Wirklichkeit zu zeigen, sei es das Verbot, mit dem wahren Aussehen der nordkoeranischen Führer einen Teil der nordkoreanischen Wirklichkeit zu zeigen.

Diese Wirklichkeiten selbst werden von Park entschieden ästhetisiert mittels des Ifochrome-Verfahrens beim Fotoabzug. Der edle, mattsilberne Charakter als Ergebnis des Ifochromeverfahrens überlagert die zweifelhaften Situationen mit einer Patina des Luxus, die als ironische Komponente in seine Arbeiten einfließt.

Parks Arbeiten stehen oftmals an der Grenze zum Dokumentarischen. Ich habe erwähnt, dass Park auch als Schriftsteller arbeitet, dokumentarisch geraten ist auch sein Beiblatt zu den beiden Fotoserien, unter anderem bereits mit der Wahl der Type, dem Schreibmaschinenschriftimitat Courier.

Doch indem er, wie gerade hervorgehoben, Bilder fototechnisch entschieden ästhetisiert, und indem er weiterhin politische Propaganda strikt vermeidet und nur kurz und sachlich die politischen Vorzeichen der Bilder nennt, eröffnet er einen Horizont der Ironie bezogen auf die jeweiligen politischen Entscheidungen, welche in den Bilder bzw. der Bildproduktionzum Tragen kommen. Diese Ironie kann dann als Ironie der Politik wahrgenommen werden, die auf künstlerischem Wege ad absurdum geführt wird.

Katja Dell

Ich heiße Sie willkommen in der Dineylandisierung! Doch ehe wir uns ins Reich der Mickey-Mäuse und der Kunststoffschwerter begeben, möchte ich Ihnen gerne die Künstlerin vorstellen: Katja Dell, geboren 1970, studierte von 1992 bis 1999 Graphik-Design und Photographie an der Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart. Reich stipendiert während und nach dem Studium, konnte sie die Welt, genauer: New York, Tokyo und Paris, photographisch erkunden. Seit 1998 waren Katja Dells Arbeiten bei zahlreichen Ausstellungen zu sehen, etwa 1999 im Rahmen der Ausstellung ZAC99 im Musée d?Art Moderne de la Ville de Paris oder 2001 in der Ausstellung Not at Home in der Akademie Schloss Solitude, Stuttgart. Auch reich bepreist sind Katja Dells Photographien, 1998 gewann sie den 1. Preis der Kenzo Paris Graphic-Designcompetition, 2000 dann den Förderpreis Kodak bei der Photokina in Köln. In Schorndorf waren Ihre Arbeiten bereits einmal 2000 zu sehen in der Einzelaustellung Getrumpfte Banalität in der Manufaktur.

Katja Dells Photographien entstehen nicht im Studio hinter verschlossener Türe, sondern beim Spazieren durch die Welt mit wachem Blick. Ihre Spaziergänge führen Katja Dell zwar oft zu bedeutenden Ereignissen oder an bedeutende Orte, doch gilt ihr Blick hierbei nicht dem zentralen Ereignis oder Monument. Sie sucht vielmehr, mit der Fokussierung auf Randphänomene, dem Charakter des kulturellen Ereignisses von der Peripherie auf die Spur zu kommen. So zeigte etwa ihre Fotoserie Vip's only nicht die Stars beim Filmfestival von Cannes, sondern diejenigen, die gerne einen Blick auf die Stars erhaschen möchten, wohingegen die Reportage über den Markus-Platz von Venedig nicht etwa die architektonischen Schönheiten Venedigs, sondern die Kameramodelle von Touristen auf der Jagd nach dem schönsten Erinnerungsfoto dokumentiert.

Ebenfalls eine zentrale Touristenattraktion sind die Disneyparks in Paris, Tokyo und Los Angeles, mit denen sich Katja Dells Photographien in dieser Ausstellung auseinandersetzen. Allerdings sind sie eine Attraktion spezieller, etwas wunderlicher Art, aber deswegen vielleicht um so typischer für das Zeitalter der oft wortverdächtig beschworenen Globalisierung: denn fährt der Tourist im Normalfall an einen fernen Ort, um die dortigen Sehenswürdigkeiten, Land und Leute kennenzulernen, so fährt der Disneybesucher um die halbe Welt, von Los Angeles nach Paris, um dort im wesentlichen das bereits Bekannte, Gleiche aufzusuchen, um etwa mit dem gleichen Raddampfer namens Mark Twain in einer nahezu identischen Kulissenlandschaft umherzufahren. Ungeachtet der kulturellen Besonderheiten des jeweiligen Kontinents wird die Welt - in diesem Falle die Welt innerhalb der Grenzen des Disneyparks - einheitlich disneyfiziert, sogar der Wasserspender am Eingang des Disneylands in Tokyo wirft ironischerweise bereits einen Schatten in Form von Mickey-Mouse-Ohren. Diese befinden sich auch auf fast allen Köpfen der Besucher, als Marke der Zugehörigkeit zur Disney-Welt.

Verkleidet als Disney-Produkt begeht der Besucher eine Welt aus kulissenhaften Gebäuden, aus künstlich in Form gebrachter Natur, die eine Bühne, ein Forum für die Darstellung des Disneyhaften bietet, ähnlich wie etwa barocke Schlösser und Gärten als Bühnen zu Darstellung herrscherlicher Pracht dienen.

Im Unterschied jedoch zu den barocken Baulichkeiten bietet die Disney-Welt keine stilistische Eindeutigkeit. Barocke Gartenelemente werden munter gemischt mit Schlössern, die historisierende Aufnahmen historistischer Schlossbauten aus dem 19. Jahrhundert sind, also gleichsam die Potenzierung des Historismus bedeuten. Auch in der demonstrierten Macht liegt ein Unterschied: waren barocke Schlösser tatsächlich bewohnt und dienten dem Herrscher bei der Demonstration seiner Macht zur Ausübung seines Berufes, demonstriert in der Disney-Welt ein Konzern seine Macht über die Freizeitgestaltung und - im Falle von Celebration, jener vom Disney-Konzern designten Stadt - auch die gesamte Lebensgestaltung der Menschen. Dankbar nimmt der Kulturelle Allesfresser, wie Dell den Disneypark-Besucher nennt, im Dschungel der Möglichkeiten das Angebot war, das vielfältigste Gemisch aus allen Möglichkeiten auf überschaubarem Raum in bunter, vereinfachter Form präsentiert zu bekommen. Hierbei bietet die Disney-Welt verschiedene Stufen der Partizipation. Von Landschaftselementen, die nur zum Betrachten gedacht sind, über begehbare Kulissen und Kulissenelemente, an denen der Besucher selbst zum Disney-Akteur werden kann, etwa als Artus-Held am Schwert, bis hin zum Angebot der Disney-Komplettlösung für die Gestaltung der gesamten Lebenswelt in der Disney-Stadt Celebration.

Katja Dell hat innerhalb ihrer Bilderserie Bildgruppen zu den unterschiedlichen Elementen und Formen der Disneylandisierung gebildet. Sie sind jeweils mit einem kurzen erklärenden Text versehen, um dem Phänomen "Disney" nicht nur bildlich, sondern auch textuell auf den Leib zu rücken. Ich hoffe, dass Sie sich nun, ausgestattet mit unseren Erläuterungen und mit weiterem Textmaterial gut genug gerüstet sehen für die Begegnung mit den Bildern und möchte Sie einladen, sich nun ganz der Betrachtung der Ausstellung zu widmen.



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