Dr. HOLGER LUND Home | CV | Projekte | Publikationen | Presse | Impressum |
Dr. Holger Lund
holgerlund@gmx.de


<< Zurück


Heloisa Corrêa - Malerei

Kunstverein Schorndorf

07.05.1999

von Cornelia Lund

Auch ich begrüße Sie ganz herzlich zur Eröffnung der Ausstellung von Heloisa Corrêa.

"Kunstverein Schorndorf im Exotismustaumel" - diese Schlagzeile scheint dem Umstand durchaus angemessen, dass sich der Kunstverein sozusagen aufs internationale Parkett wagt, indem er Bilder der brasilianischen Künstlerin Heloisa Corrêa präsentiert. Schlagzeilen ist allerdings gemeinhin stets mit Mißtrauen zu begegnen, selbst potentiellen, und so werde ich unsere Schlagzeile im Folgenden auch noch gründlich auf ihren Wahrheitsgehalt hin prüfen. Zunächst möchte ich jedoch Ihre zweifellos vorhandene Neugier auf die Künstlerin selbst stillen: Heloisa Corrêa nahm, gerade 20jährig, im Jahr 1981 das Kunststudium an der Universität ihrer Heimatstadt Caxias do Sul in Brasilien auf. Einen großen Teil dieses Studiums, das neben der malerischen und bildhauerischen Praxis auch eine intensive Beschäftigung mit Kunstgeschichte und Ästhetik beinhaltete, absolvierte Heloisa bei Diana Dominguez. Daraus resultierte unter anderem die Mitarbeit an Videoprojekten dieser Künstlerin. Das Studium schloss Heloisa Corrêa 1991 mit dem Examen als Kunsterzieherin ab. Schon während der Studienzeit war sie, ab 1985, als Grafikerin tätig, zunächst in Porto Alegre, später, von 1992-94, in Austin/Texas. Sie beschränkte sich hierbei nicht allein auf das klassische Arbeitsfeld der Werbegraphik, sondern fertigte auch Illustrationen und Bühnenbilder an. Seit 1994 lebt Heloisa in Deutschland, und erst seitdem hat sie das Malen zu ihrer Profession erkoren, der sie unabhängig von Aufträgen nachgeht. Ihrer malerischen Produktion aus dieser Zeit waren bisher mehrere Ausstellungen in Privathäusern, Rathäusern und Kunstvereinen gewidmet.

Heloisa Corrêa, eine brasilianische Künstlerin, in der Tat, doch wie ist es um den Exotismustaumel bestellt? Ich werde Ihnen mit einer Anekdote antworten, wie es sich für eine ordentliche Einführungsrede gehört: Einst beklagte sich die Jury eines naheliegenden Kunstvereines, Heloisas Bilder seien zu europäisch. Kein Exotismustaumel also. Das Urteil der Jury löste übrigens gewaltiges Staunen auf Seiten der Künstlerin aus, die daraufhin versuchte herauszufinden, was wohl von brasilianischen Bildern erwartet wird. Vermutlich erwartet der meist grauhimmelgeplagte Mitteleuropäer weniger einen spezifisch exotischen Stil, als vielmehr ein wenig exotistische Motivik, bunt folkloristisches Tropentreiben, glutäugig tanzendes Volk. Doch all dies liegt Heloisa Corrêas Heimat, dem Süden Brasiliens, geographisch und somit ihren Bildern auch thematisch reichlich fern. Ganz abgesehen von der mangelnden Nähe zum Tropisch-Exotischen ist - und das wiegt noch ungleich schwerer - das kulturelle Leben Brasiliens geprägt von der europäischen Tradition und nach Europa hin ausgerichtet. Schüler des französischen Malers Jacques-Louis David begründeten im 19. Jahrhundert eine Malschule mit starker Bindung an Frankreich, was zum Beispiel zur Folge hat, dass noch heute die Reise des angehenden Künstlers oder der angehenden Künstlerin nach Paris als wichtig und erstrebenswert gilt. Zwar gibt es im 20. Jahrhundert eine Bewegung, die bildende Kunst zu brasilianisieren, doch beschränkt sich dies hauptsächlich auf Motive, die stilistische Entwicklung bleibt weitestgehend an Europa orientiert.

Eine neue, hübsche Schlagzeile im beliebten Stil internationaler Ausstellungsmacher könnte also lauten: Heloisa Corrêa - ein brasilianisch-europäischer Dialog. Denn es war just das Moment des Vertrautseins mit der europäischen Malerei, das es Heloisa Corrêa ermöglichte, genau dieses Medium zu wählen, um mit der neuen Kultur in Kontakt zu treten, als bei ihrer Ankunft in Deutschland die sprachliche Kommunikation versagte. Die sprachlichen Codes (Portugiesisch und Deutsch) waren inkompatibel, doch der Code der Malerei ein gemeinsamer.

Einen entscheidenden Impuls bekam Heloisa tatsächlich von der Malerei eines anderen Landes: Ein Aufenthalt in Mexiko (1993) veränderte ihre Palette nachhaltig, die zuvor eher kühle Farbgebung wich einer vielfarbig fröhlichen. Auch die in Deutschland entstandenen Bilder sind zunächst geprägt von diesem Farbenreichtum. Neben figürlichen Bildern malte sie solche mit einer aus zahlreichen Formen aufgebauten Struktur, die eine Orientierung an Kandinsky, Klee oder dem frühen Dubuffet verraten. In diesen Bildern findet die nicht-bunte Farbe Schwarz häufig Verwendung für das Formengerüst. So wird der zeichnerische Charakter der Bilder betont, zumal gelegentlich der Pinsel dem Zeichenstift gewichen ist.

Diese abstrakten Kompositionen sind es, die Heloisa Corrêa unter Beschreiten eines ganz eigenen Weges weiterentwickelt hat. Angesichts der Ähnlichkeit manch früherer Kompositionen mit einer Platine, könnte der folgende Abschnitt dieses Weges mit einiger Berechtigung den Titel tragen: Von der Platine zur Farbfeld. Im Laufe dieser Entwicklung haben sich aus dem Formenreichtum der ersten Bildgeneration langsam einzelne Formen oder Formserien herauskristallisiert, die, stets wiederkehrend, das Formenrepertoire der Künstlerin bestimmen. Die Formen werden immer sparsamer, dafür stark vergrößert für die Komposition eingesetzt, wie ein vergrößerter Ausschnitt aus der Formenvielfalt der vorhergehenden Bilder. Gibt es bei diesen Bildern zahlreiche Formen, so sind sie stets in eine Serie eingebunden.

Mit der Formreduktion geht eine Beruhigung der Palette einher, nicht Vielfarbigkeit bestimmt mehr die Bilder, sondern der Einsatz subtil aufeinander abgestimmter Farbtöne. So wie die Konzentration auf wenige Formen es erleichtert, deren Möglichkeiten zu erforschen, können mit der fein abgestimmten Ton-in-Ton-Malerei die Möglichkeiten einzelner Farbtöne erprobt werden. Bevorzugt benutzt die Künstlerin warme Erdtöne, sowie rot, gelb, gelegentlich blau und immer wieder schwarz, wobei der zeichnerische Charakter der früheren Bilder, nicht zuletzt durch die Vergrößerung der Formen, einer überwiegend malerischen Auffassung gewichen ist.

Die von wenigen, klaren Formen und Farben beherrschten Bilder gemahnen beim ersten Betrachten an die Farbfeldmalereien beispielsweise eines Mark Rothko. Trotz deutlicher Gemeinsamkeiten wie der Erforschung der Farbwirkung, unterscheiden sie sich dennoch wesentlich von den Bildern Rothkos. Nicht optische Überlappungseffekte sind hier das Thema, die Farbflächen bleiben als solche bestehen. Zudem eignet vielen Bildern Heloisa Corrêas eine reliefartige Struktur. Neben der reinen Farbwirkung wird so die Materialität, genauer: Plastizität der Farbe betont. Statt der Rothkoschen Großformate hat die Künstlerin für zahlreiche Produktionen dieser Generation kleine Formate gewählt, was den Vorteil hat, dass die Bilder, einer Serie gleich, zu mehreren neben- und übereinander gehängt werden können, so dass die Farb- und Formkompositionen über den Bildrand hinaus agieren können.

Der bislang letzte Entwicklungsschritt in der Malerei Heloisa Corrêas ließe sich betiteln mit: Kompakte Malerei - auf dem Weg zum Paket. Nicht, dass Heloisa sich urplötzlich in eine Verpackungskünstlerin transformiert hätte, die Idee des Pakets verdankt sich eher den schnurartigen Strukturen, die in ihren neuesten Produktionen die Farbflächen unterteilen. Zunächst werden zurückhaltend wenige Farbflächen mit einzelnen Bindfäden unterteilt, die dann bisweilen zu dicken Paketschnüren anschwellen oder ganze Bündel von Fäden bilden. Den Paketen eignet allerdings keinesfalls die triste Farbe des Packpapiers, die Bilder kehren vielmehr zu einer bunteren Farbigkeit zurück. Die Strenge der vorhergehenden monochromen Kompositionen weicht einer leichteren, fröhlicheren Auffassung. Fortgesetzt wird in den nun auch wieder großformatigen Bildern die Auseinandersetzung mit der Raumstruktur. Die unterschiedliche Größe und Intensität der Farbflächen lässt ein Spiel entstehen zwischen oben und unten, vorne und hinten. Ein Verwirrspiel, das sie besonders gut hier beobachten können (auf Bild hinweisen).

Und genau auf das Beobachten kommt es bei den Bildern Heloisa Corrêas auch an, was durchaus nicht selbstverständlich ist für zeitgenössische Kunst. Aber Sie haben Glück, denn hier schiebt sich weder ein durchgestyltes Künstlerego vor die künstlerischen Produkte, noch müssen Sie sich durch einen mehrbändigen philosophischen Wälzer fressen, um am Ende doch nicht klarer zu sehen über das Konzept, das dem Kunstwerk zugrunde liegen soll. Dies heißt jedoch nicht, dass die Malerin gedankenlos Farbe auf der Bildfläche verteilt; es genügen die Augen und ein bißchen Muße, um die Ergebnisse der sorgfältigen Überlegungen in den ausgewogenen Bildkompositionen zu studieren und sich an den Farb- und Formwirkungen zu erfreuen.

Und um zu der Thematik des Pakets zurückzukehren: Pakete enthalten bekanntlich oft Geschenke. Wenn Sie also nett zu sich sein wollen, können sie sich das eine oder andere der hier präsentierten Pakete schenken. (Sollten Sie hierbei auf Entscheidungsschwierigkeiten stoßen, holen Sie sich Rat bei unserem kleinen Buffet.)



<< Zurück