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Dr. Holger Lund
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Egbert Haneke "Daisy chain"

Kunstverein Schorndorf, 29.01.2002, 20.00 Uhr

Text von Holger Lund

Begrüßung:

Willkommen zu Daisy Chain von Egbert Haneke, einer visuellen Karusselfahrt ins Herz der Ödnis als Kunstfall!

Dass ich nun zu Ihnen spreche, liegt nicht darin begründet, dass Cornelia Lund schnöde der auf der Einladungskarte angekündigte gebührende Vortritt genommen wurde, sondern im Prinzip geglückter Arbeitsteilung: Sie denkt, und ich spreche. Und so findet das angekündigte Doppel dann doch statt.

Daisy chain - um was handelt es sich da? Zunächst, rein technisch, um eine Dia-Show in Überblendtechnik. Mit Sorgen mögen Sie's vernommen haben, sind doch Dia-Shows jene inzwischen glücklicherweise kaum mehr stattfindenden peinvollen Ereignisse, bei denen einem von einem scheinbar befreundeten Ehepaar die Urlaubs-Socken der Sprösslinge vom immergleichen Ferienort jahrein, jahraus vor die visuelle Nase gehalten werden. Oder, vielleicht noch schreckenserregender: Dia-Show in Überblendtechnik - das klingt doch nach den berühmten VHS-Vorträgen: Reinhold Messner in Katmandu - obwohl: Messner hat sich inzwischen ja als bergphilosophisches Schwergewicht rehabilitieren wenn nicht gar habilitieren können. Was allerdings auch irgendwie schrecklich ist.

Doch keine Angst - der Kunstverein steht immer noch für Kunst, was heißt: die visuelle Bedrohung erfolgt auf andere Weise: nicht mit Socken oder Bergpanoramen, sondern mit: - Kunst. Und zwar, indem Ödnis als intensitätsreiches Ereignis, als Kunstfall dargeboten wird.

Doch bevor ich auf das Kernthema der Ödnis als paradoxem Kunstfall eingehe, bleibt der verdächtige Titel, "Daisy chain", zu erläutern. Verdächtig deshalb, weil er voll falscher und richtiger Verständnisfährten steckt. Hier gilt es zu sortieren. Wird Donald Ducks Angehimmelte in Ketten vorgeführt wird? Nein. Handelt es sich um eine medienkritische Arbeit mit Sado-maso-Perspektive? Nein. Oder handelt es sich gar um eine längst fällige Abrechung mit Disney im Disney-Jahr (wir wissen: jedes Jahr ist Disney-Jahr!)? Wiederum: Nein. Gibt es überhaupt eine "Daisy chain", eine Gänseblümchenkette, wie die wörtliche Übersetzung lautet, oder zumindest irgendetwas von der Heidi-Alm zu sehen? Entschieden: Nein!

Bevor die Verwirrung durch die Negationen überhand nimmt, möchte ich den Künstler zu Rate ziehen, der nicht allein von der lautlichen Attraktivität des Ausdrucks, "Daisy chain", schwärmt, sondern, vor allem, den inhaltlichen Aspekt hervorgehoben wissen möchte. In der Elektrotechnik, und diese ist gemeint, dient die "Daisy chain" als Metapher für eine Verkettung, einen Verdrahtungsentwurf, in dem z.B. Vorrichtung A mit Vorrichtung B verdrahtet wird, Vorrichtung B wird mit Vorrichtung C, usw. verdrahtet. Die letzte Vorrichtung wird normalerweise mit einem Abschlusswiderstand verdrahtet . Alle Vorrichtungen können identische Signale empfangen. Haben Sie's verstanden? Macht nichts, kurz gefasst: alles hängt irgendwie verkettet zusammen - so wie bei der Dia-Show-Konstruktion, die Egbert Haneke hier installiert hat. Gelungen ist dabei die subtile Anspielung auf's Dia-Karussell, das, einer Gänseblümchen-Kette gleich, eine Kette ironischer "Gänseblümchen" bildet, die uns als Betrachter auf eine visuelle Karrusellfahrt mitnehmen.

Was gibt es dabei nun wirklich zu sehen, wenn die Gänseblümchen allenfalls als bös-ironische Fehlfährte gelegt werden, was wird thematisiert?

Nun: gänseblümchenfreie urbane Ausschnitte, menschenleere Bilder aus Stadtzentren und Vororten, deren architektonische Elemente in jenem schweren, betonreicher Stil, dem Brutalismus der späten 70er- und 80er Jahre, entstanden sind. (Architekturhistorisch heißt diese Epoche wirklich genau so: "Brutalismus"). Geographisch sind die Bilder anhand des Baustils nicht einfach zu lokalisieren, denn der Brutalismus als internationaler, wenn nicht globaler Baustil lässt keine Verortung zu. Die Überblendtechnik verstärkt dabei die Suggestion der Austauschbarkeit. Allein die meist spärliche Vegetation lässt Rückschlüsse auf ? von Mitteleuropa aus gesehen - exotische Gegenden zu. Und so verhält es sich auch: die Bilder stammen aus Asien, vor allem Bangkok und Shanghai. Jedoch: der Exotismus der Orte wird aufgehoben vom globalen Architekturstil, was bleibt, ist die international gleichermaßen vorhandene Ödnis. Dieser widmet sich Egbert Haneke mit künstlerischer Leidenschaft: Betonmassen in fast barock ausufernden Dimensionen, Baustellen - deren Fertigstellung man angesichts der zu erwartenden Architektur man gar nicht so unbedingt wünscht -, Hinterhofgeometrien, tote Inseln der Verkehrsplanung. Und dennoch: die Ödnis dieser Orte wird als Intensität inszeniert: bildkompositionell und farblich. Selten mittig plazierte Bildausschnitte, rigorose Anschnitte, besser Einschnitte ins visuell Reale, scharfe Diagonalen, spitze Winkel: all das erzeugt eine Vehemenz der Ausschnitte, welche die Ödnis des Gezeigten gleichsam dramatisiert. Dabei werden die sonnenscheinlosen Grauwerte der Architektur nicht selten von pflanzlichen Farbakzenten, oft Rot und Blau, durchbrochen, die das vorherrschende Grau fast schmerzlich um so schärfer ins Bewusstsein transportieren, mithin das Erlebnis der Ödnis intensivieren. Dasselbe gilt für die pflanzlichen Formwerte. Die Rundungen und Bögen der Pflanzen durchbrechen die architektonischen Geraden und Winkel, deren Vorherrschaft letztlich jedoch dadurch akzentuiert wird.

Die erwähnten Kennzeichen der Bildkomposition verweisen allerdings auch auf einen weiteren thematisch zentralen Bereich: der urbane Raum in der Polarität von Stadt und Natur. Meist wird der Natur, davon zeugen die Bilder, vom Menschen lediglich ein Schattendasein eingeräumt, durchaus im wörtlichen Sinne, bis auf wenige Ecken, in denen sie unkontrolliert wuchert und gleichsam auf der Lauer liegt, um sich die Stadträume zu erobern. Gehindert wird Sie von allgegenwärtigen Grenzziehungen: jenen architektonischen Diagonalen und scharfen Winkel die aus-, ein- und abgrenzen.

Doch nicht nur Bilder des urbanen Raums sind zu sehen, auch solche des schwach zivilisierten Raums, wie Straßen durch Wälder, Hütten im Grünen. Diese Bilder wirken gleichwohl nur als scheinbarer visueller Kontrapunkt: Die geschlossenen Massen des sonnenscheinlosen Grüns bilden nicht minder eine Ödnis, unter deren Last eine Straße oder einige Hütten erdrückt zu werden scheint. Das Positiv der Natur erscheint - nicht zuletzt wegen der Überblendtechnik - als das Negativ des urbanen Raums - Spiegelung der Ödnis mithin. Und so kann der kurvenreiche Schwung einer Straße im monolithischen Grün als Umkehrung des Schwunges einer Pflanze im monolithischen Betongrau gesehen werden.

Inwiefern diese Ödnis als intensitätsreicher Kunstfall einzuschätzen und zu schätzen ist, soll mit einem Blick auf Egbert Hanekes ästhetische Ausbildung und Zielsetzung erläutert werden.

1966 geboren in Essen, studierte er Freie Kunst an der HfbK Hamburg, wo er seit 1998 dem Lehrkörper als Dozent für Fotografie und als Frauenbeauftragter angehört. Sie haben durchaus richtig gehört: als Frauenbeauftragter. Was ihn in besonderem Maße dazu qualifiziert haben mag, ist seine Angst vor Mäusen. In Berlin, Düsseldorf, Freiburg, New York und Shanghai - allesamt Stationen von Einzel- und Gruppenausstellungen - fürchtete er sich vor Mäusen. Vor allem im Außereuropäischen fotografierte er, allein 6000 Fotos umfasst sein asiatischer Fundus. Es gibt Menschen, die behaupten, er würde auf diesem Wege seine Mausparanoia abzuarbeiten versuchen. Zwischen sich und die Welt mit den potentiellen Mäusen schiebe er die Kamera, um einen Puffer zu besitzen. Doch nicht der Fotografie galt ursprünglich sein Interesse, sondern der Skulptur. Nach der Aufgabe seiner ambitiösen Versuche, nicht weniger als die "perfekte Skulptur" zu schaffen, heute bisweilen von ihm selbst liebevoll als "Skulpie" bezeichnet, ist es nun sein zentrales Anliegen, architektonische Situationen mit einem skulpturalen Verständnis vor Augen zu führen, mithin urbanistische Skulpie herzustellen. Aber auch: neue Parameter für das, was Schönheit sein könnte: eine intensitätsreiche Ödnis. Oder, in der Formulierung von Egbert Haneke: unter dem skupturalen Blick und in ihrer Kombination geben die Bilder viel von den Menschen Preis, die auf ihnen nicht zu sehen sind. Ich bin der Meinung, dass hier "echte Skulptur" vorliegt. Eine Aneinanderreihung solcher Situationen als Darstellung von Details unserer Welt lässt auf ein Ganzes schließen, gewährt Einblick in eine bekannte Unbekannte.

Diese bekannte Unbekannte, die Welt also, und die Art des fotografischen Einblicks in sie ist kunsthistorisch nicht zu denken ohne die Arbeiten von William Egglestone und Stephen Shore, welche die Kunstfotografie Ende der 60er-Jahre bzw. Anfang der 70er-Jahre mit ihren Reisefotoserien farbig und großformatig und populär werden ließen. Bekannt als New Colour "Schule" zeigten die beiden in ihren Bildern bevorzugt menschenleere urbane Alltagssituationen mit unspektakulärer Funktionsarchitektur. Ihre Aufnahmen des öffentlichen Raums wirken bewusst scheinbar kunstlos, darin - und auch in den zuvor genannten Merkmalen durchaus vergleichbar jenen, die heute hier zu sehen sind. Und doch hat sich etwas geändert, liefert Egbert Haneke keine Kopie der künstlerischen Positionen Egglestones und Shores. Während diese bei aller Banalität des Sujets einer altmeisterlichen Auffassung von Bildkomposition folgten, radikalisiert Haneke die Ausschnitte zu harten Einschnitten ins Fleisch der Banal-Realität. Letzteres muss bluten, auf dass ihre Ödnis jene Intensität gewinnt, die sie als Kunstfall akut werden lässt, zu einer veritablen visuellen Bedrohung. In diesem Sinn also: willkommen zur visuellen Karusselfahrt.



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