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Dr. Holger Lund
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Erotik-Trash

Zweifelhafte Postkarten der 70er Jahre

Text zur Ausstellung in der Manufaktur Schorndorf

von Holger Faas

Einst in den 70er Jahren produziert, um Lust zu erwecken, löst ihr erotisches Potential heute eher Frust aus: Der dekorativer Aufwand, die peinlichen Sonnenuntergänge und das laue Meer, sowie das Körperstyling bewirken inzwischen unweigerlich komische Effekte. Wohl lässt Komik erotisches Vergnügen nicht aufkommen, dafür aber ein Vergnügen anderer, nämlich ästhetischer Art. So vereint die Ausstellung beides: Frust und Lust im Doppelpack.

Dass diese Postkarten sich selbst ad absurdum führen, ist erst vor dem Hintergrund der heutigen Bildindustrie erfahrbar, die perfekt normierte Erotikresultate produziert. Der zeitliche Unterschied lässt erkennen, wie die anvisierte erotische Wirkung fehlschlägt, und offenbart die groteske Spannung zwischen Anspruch und Mißlingen. Und genau diese nur historisch erkennbare Spannung ist es, die Trash-Kunst definiert.

Um den Trash-Effekt zu maximalisieren, wird eine weitere Spannung hinzugefügt, und zwar die zwischen edler Präsentation der Exponate und diesen selbst.

Bemerkenswert ist die Tatsache, dass die Inszenierung des Erotischen sich unverschämt kunsthistorisch nobilitierter Bildtypen bedient. Die blonde Dame im Gras beispielsweise greift auf Darstellungen der büßenden Maria Magdalena zurück, der Mann, der haschend eine Frau verfolgt, auf Apoll-und-Daphne-Darstellungen, während die Frau mit dem roten Tuch am Strand sich auf Sirenen-Darstellungen bezieht. Ähnlich verhält es sich mit den beiden Frauen am Strand, die ihr Geschlecht verdecken, um somit vom Renommee der Venus pudica zu profitieren, deren wichtigste Veredelungsstationen die Mediceische Venus und die Geburt der Venus von Botticelli sind. Dass diese Nobilitierungsversuche scheitern, steht außer Frage. Wie sie es tun, nämlich auf unbeholfene und überkitschte Weise, ist eine weitere Quelle ästhetischen Vergnügens - im Sinne der Trash-Kunst.



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