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Dr. Holger Lund
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Rüdiger Penzkofer "Glas Malerei"

Wittum-Hof, Urbach 18.01.2002

Text von Holger Lund

Begrüßung

Doppeltes Heimspiel als Untertitel.

Der ungleich brisantere Haupttitel meiner Ausführungen soll vorläufig noch unenthüllt bleiben. Das doppelte Heimspiel wird erst genutzt als captatio benevolentiae, jenem rhetorischem Tip, bei welchem dem Redner empfohlen wird, den guten Willen seiner Zuhörer einzufangen.

Worum wird es gehen:

Es wird gehen vom Untertitel zum Haupttitel als Weg der Erkenntnissteigerung, wenn nicht gar: der Erleuchtung.

Und worum wird es noch gehen: Um Kunst. Und zwar: jene von Rüdiger Penzkofer. Und um ein Kunst-Quiz mit sagenhaftem Preis.

Ein großes Anliegen der antiken Rhetoriker ist das aptum, die Angemessenheit der Rede auf die Situation hin. Da wir es hier in puncto räumlicher Ausdehnung mit einer gleichsam kammermusikalischen Ausstellung zu tun haben, werde ich mich zugunsten des aptums sowie ihrer trinkfreudigen Zukunft kurz und knapp fassen - Was, bitte schön, nicht selbstverständlich ist: gerade Vernissage-Reden geraten zuweilen zum geistigen und körperlichen Härtetest. Ich gedenke, Ihnen wenigstens den körperlichen Härtetest zu ersparen.

Doch zunächst zurück zum Untertitel und zur captatio benevolentiae:

Das erste Heimspiel - Rüdiger Penzkofer ist Schorndorfer - das ist fast so gut wie ein Original-Urbacher. Die einheimischen Sympathien können also als gesichert gelten.

Das zweite Heimspiel - ich selbst bin Ex-Urbacher, und weiß also, wovon ich rede: von der Heimat. Und in dieser ereignet sich so manches.

"Kunst, Gartenzwerge und Ostereier" - jetzt ist es heraus: so lautet der Haupttitel meiner Einführungsrede. Den Hintergrund des Haupttitels bildet erschütternde Anekdote über die Erschütterung einer Urbacher Familie durch 2 verdächtige Objekte: 1 Gartenzwerg und 1 Osterei. Anekdote erzählen, mit Problem: was bedeutet das Ganze?. Und was hat Kunst mit alledem zu tun? Nun, sie tut entschieden Not, um seelische Stabilität und mentale Krisenfestigkeit der verunsicherten Bevölkerung zu verschaffen. Wie das vonstatten geht, wird noch erläutert werden.

Wenden wir uns dazu der aktuell ausgestellten Kunst zu, um ihren seelischen Stabilitätswert und ihren mentalen Krisenfestigkeitswert zu prüfen.

Installation:

Ein merkwürdiger Begriff, der hier und heute jedoch nicht Klempnerei noch anderweitige sanitäre Übungen bezeichnet, sondern schlicht: Kunst. Diese wurde mit 12 Tischen und ebenso vielen Glasobjekten darauf in den Keller-Raum installiert. Installation in der Kunst meint also eine Art Raumergreifung durch künstlerische Eingriffe in den Raum. Allerdings führen diese keinesfalls zu einer flüssigeren Spülung oder eleganteren Rohren, auch wenn sie viel oder sogar mehr Geld kosten. Dafür führen die künstlerischen Raumeingriffe zu Gedanken ? über den jeweiligen Raum und die Kunst, die sich in ihm ereignet. Der Titel der Installation, "Von hier aus", benennt just diesen geistigen Punkt, von dem der Raum nach dem kunstinstallatorischen Eingriff neu gedacht werden muss. Tun wir das: was also hat sich im kunstinstallierten Raum ereignet?

Zwölf Tische mit Glasobjekten auf denselben sind wahrzunehmen - in manchen gut-gläubigen Geist werden jetzt sicherlich die 12 Apostel hineinmarschieren - allerdings ist es vonnöten, dass ich diese bei der Hand nehme, um sie wieder aus ihrem Geist hinauszuführen, denn mitnichten bezieht sich die 12er-Zahl auf die Apostel - sie bezieht sich lediglich formal auf den Raum. Mit 12 Tischen schien dem Künstler ein gelungenes Verhältnis von Tisch- und Objektanzahl im Verhältnis zum Installationsraum gegeben. Aufgestellt hat er sie in zwei Reihen, deren Zweizahl jener der Formen bei den Glasobjekten entspricht.

Was hat es nun mit der Installation, die Rüdiger Penzkofer eigens für Urbach entwickelt hat, auf sich, wenn schon die 12 Apostel wieder unverrichteter Dinge abziehen mussten?

Kunst spricht auch mal gerne mit sich selbst: Vor Jahren installierten Hardy Langer und Ehrenfried Frank in denselben Räumlichkeiten Kunst. Langers Beitrag war damals Torfboot. Ein Beitrag, der mich persönlich ergriffen hat, war ich doch nicht unlängst knapp 2 Jahre im Nicht-Schwäbischen, im Exil sozusagen, und zwar im norddeutschen torfreichen Tiefmoor. Ergriffen hat besagter Beitrag von Hardy Langer jedoch auch Rüdiger Penzkofer, die Formen auf den Glasobjekten spielen als Bootformen zart auf die vergangene Ausstellung an. Kunst spricht also durchaus mit sich selbst. Doch nicht nur. Sie kommuniziert auch mit dem Betrachter. Beispielsweise durch das, was dargestellt wird.

Was Rüdiger Penzkofers künstlerische Arbeiten kennzeichnet, sind reduziert wirkende, ideogrammhafte Formen. Ideogramme sind bildhafte Zeichen, die einen ganzen Begriff auszudrücken vermögen, wie etwa bei chinesischen Schriftzeichen oder auf Verkehrschildern (Bsp. Steinschlag). Doch die Reduktion auf's scheinbar klare und einfache Bildkürzel birgt Bedeutungsabgründe in sich: Bsp. Stier/Halskette. Bsp. Bombe/Ring (Bsp. auch für Zeitbedingtheit des Sehens), Preis-Bsp. Installationsform, ähnlich 6. Glasbild von 9er-Kombination: Anspielung auf Bootform. Augen. Münzschlitze. Baseball. Kaffeebohnen (Künstlervotum/Preis 1 Pfund Kaffeebohnen).

Dieses Phänomen der Mehrfachbedeutungen erscheint beunruhigend im Hinblick auf dubiose, schwer deutbare Gartenzwerge und Ostereier - wir erinnern uns: auch hierbei ging es um die Frage, was das Ganze zu bedeuten habe. Wie also steht es um den seelischen Stabilitätswert und den mentalen Krisenfestigkeitswert der Kunst, wo doch eine Form so allerlei zu bedeuten vermag? Wo ist der Halt für zukünftige Urbacher Familien? Er liegt, so einfach das klingen mag, in der Kunst, und lehrt uns, dubiose, schwer deutbare Gartenzwerge und Ostereier als Kunstaktionen aufzufassen, die eine gesunde Erschütterung des Geistes bewirken sollen, durchaus jener vergleichbar, die Aristoteles als Katharsis bezeichnet hat.

Womit wir schon wieder in der Antike gelandet sind. Dort ist eine logische Denkform gebräuchlich gewesen, Syllogismus genannt. Dieser funktioniert wie folgt: Hinter jedem Kunstwerk steckt jemand, der es hergestellt hat. Da wir hier allerhand Kunstwerke sehen, muss auch jemand dahinterstecken, der diese hergestellt hat. In unserem Fall ist das Rüdiger Penzkofer, und über ihn sollen Sie jetzt noch Aufschluss gewinnen.

Das Licht der Welt: für Rüdiger Penzkofer erschimmerte es am 1962 in Stuttgart, seit diesem Tag ist er artikulationsfähig. Seine künstlerische Artikulationsfähigkeit vertiefte er durch autodidaktische und akademische Studien. Das Licht der Welt betrachtete Penzkofer als freischaffender Künstler anschließend von Bonn und Nürnberg aus, um es dann, seit 1990, bevorzugt von Schorndorf aus zu genießen. 1993 begann er als freier Mitarbeiter des Kulturzentrums Manufaktur in Schorndorf zu wirken.

Sein Interesse für soziale, kulturelle und künstlerische Zusammenhänge lieferte ihm ferner die Energie, seit 1996 als Vorsitzender des Kunstvereins Schorndorf denselben als Bastion des guten Geschmacks zu halten.

Doch vergaß Rüdiger Penzkofer darüber nicht seine eigenen Werke, im Gegenteil. Gruppen- und Einzelausstellungen beispielsweise in Göppingen, Bonn und Sydney - und dem norddeutschen torfreichen Tiefmoor - gaben und geben seine Werke zur Ansicht frei.

Dank



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