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Dr. Holger Lund
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Glück als Investition

Ausstellung Herbert Moser, Bankhaus Bauer

25.11.1997

Text von Holger Faas

In einem Brief berichtet Claude Monet einem Freund von einer schrecklichen Episode aus seinem Leben: Wegen Zahlungsunfähigkeit wurde er splitternackt aus einem Gasthof gejagt. Auf Grund dieser Entehrung und eingedenk seiner hungrigen Familie packte den Künstler schließlich die Verzweiflung - und er sprang ins Wasser. Glücklicherweise kam niemand zu schaden, beendet Monet seinen Brief.

Die Verbindung von Geld und Kunst, meine sehr verehrten Damen und Herren, ist eine heikle Verbindung. Wie die Ausstellung Glück als Investition die Verbindung von Geld und Kunst meistert, ist das Thema meiner Einführung.

Bevor ich Ihnen das Konzept der Ausstellung vorstelle, möchte ich Ihnen zunächst den Künstler vorstellen.

Herbert Moser wurde 1962 in Tübingen geboren. Er studierte an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart, namentlich bei Professor Jürgen Brodwolf. Als Preisträger der Akademie verließ er dieselbe, und als Stipendiat des Deutschen Akademischen Austauschdienstes verwirklichte er sein erstes Großprojekt. Dabei handelte es sich um Lichtinstallationen in Bibliotheken historischen Ranges. So wurde beispielsweise der Prunksaal der Österreichische Nationalbibliothek in Wien Schauplatz licht-graphischen Kunstspiels, dessen Ziel es war, Licht, Erleuchtung und Bücher in einen thematischen Zusammenhang zu bringen. Eine Zusammenfassung des Projekts war dieses Jahr in der Hochschule für Bibliotheks- und Informationswesen Stuttgart zu sehen.

Herbert Moser lebt als freier Künstler und nimmt als Dozent verschiedene Lehrtätigkeiten wahr.

Daß eine Bank Ausstellungen veranstaltet, ist nicht ungewöhnlich. Daß Kunst sich mit Geld beschäftigt, ist gleichfalls nicht ungewöhnlich. Ungewöhnlich ist, daß eine Bank eine Ausstellung mit Kunstwerken aus und über Geld veranstaltet - auch wenn das eigentlich völlig naheliegend erscheint. Das mag damit zu tun haben, daß das Naheliegende oft übersehen wird oder damit, daß die Bereitschaft gering ist, sich der Herausforderung eines solch ambivalenten Themas zu stellen.

Was das Bankhaus und den Künstler von vornherein einte, der inhaltliche Schnittpunkt beider, ist das Verlangen, dem Geld seine Materialität zurückzugeben, um ihm so unbeachtete oder neue Aspekte abzugewinnen. Daß heute Geld in seiner Materialität nicht wahrgenommen wird, hängt mit zwei verschiedenen Prozessen zusammen. Zum einen mit der Geschichte des Geldes. Die Geschichte des Geldes ist eine Geschichte des materiellen Substanzverlustes: Vom Edelmetall über den Papierschein zum unsichtbaren elektronischen Geld.

Zum anderen hat man zuviel mit Münz- oder Papiergeld als Zahlungsmittel zu tun, als daß man seiner gewärtig sein könnte. Es verschwindet in den Automatismen des Alltags. Um es diesen zu entreißen, wendet Herbert Moser das Verfahren der Verfremdung an. André Breton beschrieb 1929 das Verfahren der Verfremdung wie folgt: Siehst du ein Nordlicht in der Zeitschrift "Natur" - also dort, wo es hingehört - so ergreift dich die Langeweile. Kommt es jedoch aus dem Wandschrank, den du öffnest, auf dich zu, so bist du entzückt. Dinge werden also aus ihrem üblichen Funktionszusammenhang herausgenommen und in einen neuen gestellt.

Wenn Herbert Moser Geldstücke als architektonische Elemente einer Münzarchitektur verfremdet oder einen 100,- Markschein durch Überdimensionierung verfremdet, so schafft er es dadurch, zu seinem eigentlichen künstlerischen Ziel zu gelangen, nämlich Geld wieder sichtbar zu machen, seine sinnlich-ästhetischen Qualitäten wieder erlebbar zu machen. Und das an dem dafür sinnfälligen Ort: Der Bank. Als Ort der Veredelung von Geld entspricht der Bank zudem die veredelnde Präsentation des Geldes. Goldgerahmt und besamtet, auf Sockeln mit Klavier- und Original-Mercedes-Benz-S-Klassen-Lack wirkt das künstlerisch bearbeitete alltägliche Geld wie eine Preziosität - es bekommt die Aura des Kostbaren.

Kennzeichnend für Herbert Mosers künstlerischen Umgang mit Geld ist, daß er den ambivalenten Charakter des Geldes nicht leugnet, sondern im Gegenteil exponiert. Ein Beispiel dafür ist die großformatige Fotoarbeit Maestà. Zu sehen ist ein Thron, gebildet aus 50,-Pfennigmünzen und einem 100,-Markschein.

Einerseits wird hier Geld glorifiziert: Der Titel, Maestà, und das Herrscherattribut Thron wirken wie eine Huldigung an das Geld. Andererseits: Der Thron ist leer und ist es doch nicht, denn der Schein ist Thron und Throninhaber zugleich. Die Zahlen, Buchstaben und das Portrait Clara Schumanns füllen besitzergreifend die Lehnfläche des Throns, so daß dem Betrachter signalisiert wird: Dieser Thron ist besetzt. Und er ist es auch - vom Geld, das, sich selbst genügend, hier in seiner Absolutheit thront, - im wörtlichen Sinne - unbeherrschbar.

Das Hauptwerk dieser Ausstellung, die mit Stadion betitelte monumentale Münzarchitektur, thematisiert den Zusammenhang von Geld und Sport sowie jenen von Geld und Geld. Die Tribünen und Kurven sind aus 1,- und 2,-Markmünzen erbaut, während im Innenraum 500,-Markschein-Bündel paradieren. Doch nicht nur die problematische Kommerzialisierung des Sportes wird hier symbolisch dargestellt, oder die Differenz der Einkommensverhältnisse zwischen Akteuren und Publikum. Ins Blickfeld rückt zudem die Tatsache, daß hier Geld in eine scheinbar mystische Beziehung zu Geld gesetzt wird, aus Kleingeld wird Großgeld - ohne daß ersichtlich wäre, wie das geschehe. Auskunft über diesen Prozess gewährt nicht das Kunstwerk selbst, sondern seine Platzierung, sein Interagieren mit der räumlichen Umgebung: der Bank.

Dem Ausstellungsort angemessen, widmet Herbert Moser eine weitere Arbeit dem Geldverwahrer Bank. Auf einem zwei Meter hohen Sockel befindet sich eine Münzarchitektur mit dem Titel Palast. Der Bau nimmt, durch seinen Grundriß, Bezug auf barocke Schloß- und Palastarchitektur. Das Material, Zwei-Pfennigmünzen, gibt Aufschluß über die Funktion des Baus. Das Äußere verweist auf das Innere: es handelt sich um eine Bank. Tür- und fensterlos wie sie ist, wird sie einerseits zum Sinnbild absoluter Sicherheit und Unangreifbarkeit, mithin zum Sinnbild der absoluten Bank. Zugleich ist die Architektur eine Parodie der absoluten Bank, denn niemand könnte sie je betreten. Vollkommen sicher wäre eben nur die Bank, die das Geld oder den Kunden abschaffte - und in beiden Fällen wäre die Idee der Bank und diese selbst am Ende.

Ans Ende gelangt bin ich selbst noch nicht, denn es obliegt mir, Sie mit einem hinweisreichen Abspann zu erfreuen.

Dankend hinweisen möchte ich im Namen des Künstlers auf das Bankhaus Bauer. Es bewies Sinn für Glück als Investition. Dank geht ferner an die kundigen Hände von Michael Dürr, die bei den Aufbauarbeiten halfen, und an Jürgen Schweizer für seine ebenso muskelkräftige wie intelligente Unterstützung. Und Dank geht schließlich an all jene, die diese Ausstellung durch ihre Mithilfe ermöglichten.

Hinweisen möchte ich noch auf dreierlei. Zum einen auf einen Lichtbildvortrag, den Herbert Moser über sein bisheriges Werk am 02. Dezember um 19.00 Uhr hält. Teilnahmegesonnene möchten sich bitte auf die ausliegende Liste eintragen. Und wenn Sie bei den ausliegenden Listen anlangen, so finden sie dort eine weitere, bei der Ihre Eintragung Ihnen ein Exemplar des Ausstellungskataloges sichert.

Der dritte Hinweis gilt der Erwerbbarkeit von Kunstwerken Herbert Mosers. Neben den Exponaten können sie auch ein Multiple hier und jetzt erwerben. Das Multiple mit dem Titel Würde zeigt einen vergrößerten 1000,-Markschein, im Prägedruckverfahren hergestellt und mit Perlmuttlack besprüht. Das Multiple setzt Würde, Wert- und Kapitalbildung in einen Zusammenhang. Denn Würde, wortgeschichtlich von Wert kommend, erscheint so - im doppelten Sinne - als kapitaler Wert.

Sehr geehrte Damen und Herren, für jegliche Fragen zur Ausstellung stehen Ihnen der Künstler und meine Wenigkeit zu Verfügung. Für Fragen Ihres Magens - kulinarische Erlesenheiten. Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.



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