Dr. HOLGER LUND Home | CV | Projekte | Publikationen | Presse | Impressum |
Dr. Holger Lund
holgerlund@gmx.de


<< Zurück


was ist/meer - Ausstellung Rüdiger Penzkofer, Bankhaus Bauer AG

Vernissage: 02.11.1999

Text von Holger Faas

Einer der berühmtesten Bettelbriefe ist 1439 von Fra Filippo Lippi verfaßt worden, dem malenden Mönch und Lehrer Botticellis. Der Brief ist gerichtet an Piero de Medici und damit sozusagen an den Vorstandsvorsitzenden der Medici-Bank. Er lautet, ich zitiere:

Nachdem ich dreizehn Tage gewartet habe, erhielt ich schließlich ihren Brief als Antwort. Dieser Verzug hat mir viel geschadet. Sie antworten also, daß Sie keine Entscheidung über das Bild fällen könnten, das ich für Sie machen sollte. Bei Gott! Das ist ein übler Weg mir mitzuteilen, daß, selbst wenn ich sterben müßte, ich von Ihnen keinen Heller zu erwarten hätte. Das hat mir großen Kummer gemacht, aus verschiedenen Gründen, deren einer ist, daß ich, jawohl ich, einer der ärmsten Mönche von Florenz bin. Gott hat mir sechs Nichten aufgebrummt, die ich verheiraten muß, sie sind kränklich und nutzlos, und ich bin für sie die einzige, wenn auch magere Stütze.

Fra Filippo Lippi berichtet des weiteren von seinem Versuch, Geld zu leihen, was ihm lediglich die klägliche Summe von fünf Florin eintrug. Er beschließt den Brief mit der düsteren Prognose: ...Ich sehe es schon kommen, daß es nicht mal für ein paar Socken für mich reichen wird.

In keiner Weise, meine sehr verehrten Damen und Herren, in keiner Weise ist das Verhältnis zwischen dem heute ausstellenden Künstler und dem Bankhaus Bauer ähnlich geartet wie jenes soeben beschriebene zwischen Künstler und Bank. Im Gegenteil. Dafür darf ich, im Namen des Künstlers, dem Bankhaus Bauer herzlich danken.

Mit Sicherheit ist Ihnen bereits aufgefallen, daß im Titel der Ausstellung ein Querstrich die Wörter trennt: "was ist - Querstrich - meer". Dieser Querstrich veranschaulicht das Konzept der Ausstellung - es beruht auf einer Zweiteilung.

Löblicherweise weit davon entfernt, den unschuldigen Bankkunden mit Heimataquarellen zu erschrecken, geht es dem Bankhaus Bauer ums Geld: auch bei der Kunst. Deswegen unterstützt es das Installationsprojekt des Künstlers, welches mit "meer" betitelt ist und pekuniäre Werte thematisiert.

Darüber hinaus gilt es, mit Rüdiger Penzkofer einen Künstler zu entdecken, der nicht nur der Aufmerksamkeit würdig ist, sondern sie auch belohnt - mit ästhetisch trefflichen Lösungen. Um dem gerecht zu werden, sehen sie "was ist": der auf das Seiende und Vorhandene abzielende Titel verweist auf die Bestandsausstellung, die Sie hier zusätzlich zur Präsentation des Installationsprojektes zu sehen bekommen. Zweierlei also wird geboten: "was ist" - Werke aus dem aktuellen Bestand des Künstlers, und "meer" - ein Installationsprojekt, das ich Ihnen eigens vorstellen möchte, nachdem ich Ihnen den Künstler vorgestellt habe.

Rüdiger Penzkofer, geboren 1962 in Stuttgart, offenbarte schon in seiner Kindheit die Aspekte, die seine Künstlerpersönlichkeit bestimmen. In jüngsten Jahren wurde er im Kindergarten bei Malaktionen aus dem Verkehr gezogen, nicht weil er übermäßig gekleckst hätte, nein, damit er in Ruhe seine überdurchschnittlichen Produkte anfertigen konnte - ohne vom übermäßigen Klecksen der Kinderschar gestört zu sein. Als dann im elterlichen Hause seine offensichtliche Begabung mit einem Buch in der Art von "Malen nach Zahlen" gefördert werden sollte, weigerte er sich, in akribisch-akademischer Manier den Nümmerchen zu folgen. Diese anarchistische Tat wurde ihm schließlich mit Buchentzug vergolten.

Überdurchschnittliche Produkte einerseits, Entfernung vom akademischen Trend andererseits - beides kennzeichnet die künstlerische Persönlichkeit Rüdiger Penzkofers. Bereits an dieser Stelle sind dann auch die Tiefpunkte der Karriere des Künstlers - die einmal nicht verschwiegen werden sollen - abzusehen. Sein akademisches Malstudium an der Freien Kunsthochschule Alfter blieb nicht mehr als ein Gastspiel, auf welches verschiedene existenzsichernde Tätigkeiten in der freien Wirtschaft folgten. So übte der Künstler unter anderem bei einem bedeutendem Automobilhersteller den mannhaften und ehrenwerten Beruf des Vesperholers aus. Und dennoch: der Kunstdrang ließ sich nicht kleinkriegen, und während Penzkofer die Tiefpunkte seiner Karriere geduldig durchlitt, ging es mit der Kunst voran.

In Nürnberg offiziell mit der Halbleiterherstellung beschäftigt, bildet die Nürnberger Zeit des Künstlers gleichwohl eine Art Initialzeit, und zwar in mehrfacher Hinsicht. Zunächst: der Künstler beginnt, jene piktogrammhaften Formen zu entwickeln, die heute seine Arbeiten prägen. Piktogramme sind Bildsymbole, eine Art internationaler Sprache. Ihnen allen bekannt ist beispielsweise der Totenkopf, der, wenn er auf einer harmlosen Flasche prangt, Ihnen vom Genuß dieser Flasche abrät, insofern er ein Bildsymbol für "Gift" ist. Penzkofer nun reduziert Gegenstände, meist des all-täglichen Lebens, auf piktogrammhafte Grundformen, doch geht diese scheinbare Vereinfachung mit einem Komplexitätsgewinn einher: eine Form kann Lampe oder Kleiderbügel sein, eine andere Kinderwagen oder Fernseher auf Rädern, eine weitere Backform oder Helm. Besonders häufig erscheinen jene Formen, die als Gitter, Zaun oder als fließendes Wasser aufgefaßt werden können. Durch Vereinfachung gewinnen die Formen also an Mehrdeutigkeit. Die internationale Sprache, welcher die Piktogramme üblicherweise dienen, wird dadurch bereits im Keim zu einem babylonischen Ereignis, sie gerät zu einem Spiel mit der Identität der Dinge.

In die Nürnberger Zeit als Initialzeit des Künstlers datiert auch Penzkofers Beschäftigung mit der Schale. Als Grundform, im kulturhistorischen Sinne, fasziniert ihn die Schalenform, und er fertigt zunächst, durchaus archaisierend, Tonschalen an. Inzwischen hat die Schale bei Penzkofer ersichtlich evolutionäre Karriere gemacht: von der Nürnberger Tonschale gelangen wir zur Stuttgarter Goldschale, auf welche noch ausführlicher zu kommen sein wird.

In Nürnberg beginnt der Künstler schließlich auch, Comics zu zeichnen, kleine Bildergeschichten zu erstellen. Der Gattung Bildergeschichte sind auch viele der hier ausgestellten Werke verpflichtet, allerdings auf eigentümliche Weise: Die künstlerisch dargebotene Welt ist nicht nur mit alltäglichen Gegenständen angefüllt, sondern zudem mit eigenartigen Mikroorganismen und mit Pflanzen. Doch Leben, wie es Figuren und Handlung entstehen läßt, will sich nicht einstellen. Geboten werden letztlich nur Ruinen von Geschichten, womit der Künstler jene Position weiterführt, welche im 20. Jahrhundert zuerst die Surrealisten entwickelt haben, vor allem im Bereich des Films. Ich erinnere an die Filme Man Rays oder an diejenigen des Gespanns Buñuel/Dalí. Im Unterschied zu den surrealistischen Geschichtenruinen verzichtet Penzkofer bei den seinigen auf jegliche menschliche Figuren. Oft lassen sich nicht einmal die Gegenstände eindeutig bestimmen. Solcherart treiben Penzkofers scheinbare Bildergeschichten die traditionelle Erzählung, die den Surrealisten bereits als trügerische Form der Ordnung suspekt gewesen ist, weiter in den Abgrund. Penzkofer bietet - verglichen mit den Surrealisten - gleichsam Ruinen von Ruinen, um darauf hinzuweisen, daß die Erzählung nicht mehr die Darstellungsweise ist, mit welcher sich nach dem Verfall logischer Ordnungen die Welt künstlerisch erfassen und darstellen läßt. An die Stelle der erzählerischen Darstellungsweise tritt die assoziative. Bei ihr lassen sich die einzelnen Elemente meist auf Grund von Ähnlichkeit oder weil sie dem gleichen Sachbereich angehören miteinander in Verbindung bringen. Die Assoziationskette nun hat mit Sigmund Freud ihren prominentesten Vertreter, was sich wiederum auf die Bilder umschlagen läßt: Freud zeigt uns, daß das Voranschreiten von Assoziationen dem Traum eigentümlich ist, weshalb sich die Bilder auch als Traumbilder auffassen lassen und vielleicht auch als Bilder, die von Geschichten träumen.

Wenn ich zuvor hervorgehoben habe, daß überdurchschnittliche Produkte und Entfernung vom akademischen Trend die Persönlichkeit des Künstlers bestimmen, so bilden die beiden Merkmale keinen Gegensatz, vielmehr fallen sie in einem wesentlichen Punkt zusammen: in der Betonung der Form. Gegen den vorherrschenden akademischen Trend zur Konzept-Kunst, welcher das gedankliche Konzept alles ist, die handwerkliche Ausführung dagegen fast nichts, gegen diesen akademischen Trend sticht die handwerkliche Präzision sofort ins Auge. Diesem Künstler ist die formende Arbeit an und mit dem Material und die daraus resultierende ausgeformte Gestalt wichtig. Und dies, weil ihm eine mögliche Grundleistung von Kunst am Herzen liegt, nämlich ästhetisch - also sinnlich - auf unsere Wahrnehmungsorgane einzuwirken. Weder leugnet noch ignoriert Penzkofer den sinnlichen Wert von Kunst, im Gegenteil, er baut auf ihn, wie gesagt, gegen den Trend.

Daß diese Kunstauffassung den Betrachter ins Zentrum rückt und ihm zugute kommt, zeigt die Zielrichtung von Penzkofers künstlerischem Wirken an - Kunst findet hier für den Betrachter statt und nicht für's philosophische Spiegelkabinett. Und weil dem Künstler am Ästhetischen und am Betrachter liegt, ist ihm auch das Dekorative wichtig, das Dekorative als künstlerischer Wert, im Sinne von Matisse. Henri Matisse ist jener Künstler gewesen, der, beeinflußt von orientalischen Ornamenten, dem Dekorativen einen so hohen Rang eingeräumt hat, wie kaum ein anderer Künstler zuvor. Die Eigenschaft des Dekorativen bezieht sich dabei auf die Angemessenheit, welche die Teile eines Kunstwerkes im Verhältnis zueinander durchwaltet und dem Betrachter das angenehme Gefühl von Stimmigkeit vermittelt. Anders gesagt: Die Eigenschaft des Dekorativen läßt ein Kunstwerk "rund" erscheinen. Weder strapazieren noch schockieren, sondern erfreuen soll es den Betrachter - ein durchaus nobles und keinesfalls minderwertiges Kunstziel.

Nachdem ich nun die Werke und ihre Eigenschaften charakterisiert habe, bleibt noch die Person des Künstlers übrig, die ich in Nürnberg bei der Halbleiterherstellung belassen habe. Dort muß sie nicht länger verweilen: ein Studium der Sozialpädagogik, das Penzkofer im Anschluß an die Nürnberger Zeit in Angriff nahm, sichert ihm heute zusammen mit seinen Kunstwerken den Lebensunterhalt. Rüdiger Penzkofer engagiert sich als Freier Mitarbeiter der Manufaktur Schorndorf besonders im Bereich der Kinderpädagogik, und als Vorsitzender des Schorndorfer Kunstvereins vertritt er die Belange der Kunst.

Freie Mitarbeit - freischaffender Künstler, bei soviel Freiheit kann es allenfalls am Geld fehlen - was mir, überleitend, das Stichwort für das Installationsprojekt "meer" gibt - - - das nur an einem Geldort, einer Bank, stattfinden kann.

Folgendermaßen soll die Installation beschaffen sein:
Auf einem quadratischen Holzsockel werden 121 Glasschalen in regelmäßigen Abständen angeordnet. Die Schalenaußenseite ist mit blauer Kreide grundiert, darüber wird Blattgold gelegt. Die Schaleninnenseite schimmert infolge der Grundierung blau. Sämtliche Schalen werden mit Wasser gefüllt. Die ganze Installation ist in einer Bank auszustellen.

Der Titel, Meer, ist verknüpft mit dem gleichlautenden komparativischen Adverb m-e-h-r. Diese Verknüpfung ist auch bedingt durch die verwendeten Materialien: das Wasser in den Schalen ist ein Kürzel für jenes Mehr an Wasser im Meer, das Gold ist ein Kürzel für jenes Mehr an Wert, das ihm innezuwohnen scheint. Die Doppeldeutigkeit des Titels verbindet die Installation zudem mit dem Ausstellungsort, der Bank, die MehrWert produziert.

Mit der Kombination einfacher, gängiger Materialien - Glas, Wasser und Gold - erzielt der Künstler eine weitreichende Komplexität - das Prinzip ist bekannt von seinen piktogrammhaften Formen her. Das, was sich bereits im Titel der Installation ankündigt, MehrDeutigkeit nämlich, setzt sich bei intensiverer Auseinandersetzung mit der Arbeit fort.

MehrDeutigkeit zunächst bezogen auf die Materialien: Wasser und Gold, beides ist von existentieller Bedeutung. Wasser im biologischen Sinne, Gold - symbolisch genommen - im gesellschaftlichen Sinne. Urelement und zivilisatorisches Element treffen also zusammen, wobei die Frage der Dominanz thematisiert wird: Sind die Urkräfte, die das Wasser symbolisiert, gebändigt, sind sie überhaupt zu bändigen, wie das Wasser in der Schale suggeriert, oder wirken sie nicht vielmehr in der Zivilisation fort, beim Goldrausch etwa. An dieser Stelle lohnt es sich auch, den Ausstellungstitel "was ist/meer" als Summe von Einzeltiteln zu nehmen und im Sinne des Existenzielleren zu fragen: was ist mehr, Gold oder Wasser?

MehrDeutigkeit liegt ferner bezogen auf den Ausstellungsort vor: die Goldschale steht metaphorisch für die Bank und umgekehrt (die Bank steht metaphorisch für die Goldschale), weil Schale und Bank dazu dienen, etwas zu sammeln, zu bewahren, zu konzentrieren.

MehrDeutigkeit schließlich auch bezogen auf die Kunst: Durch den extremen Spartanismus des Materials (die Glasschale, das Wasser) und die minimale künstlerische Bearbeitung gliedert sich die Installation in die Arte povera ein, jene aktuelle Kunstrichtung zwischen Minimal Art und Concept Art. Wie für die Arte povera - die arme Kunst - üblich, werden ganz einfache, wertlose, mithin "arme" Materialien ver-wendet. Jedoch nicht nur: durch den extremen Luxus des Materials (das Gold) schert die Installation parodistisch aus der Arte povera aus. Ein unakademischer Kommentar in der Kunst zur Kunst also - und dadurch ein Schritt weiter.

Im Anschluß an die vorgesehene Ausstellung der Installation soll diese in 121 Schalen-Multiples zerlegt werden. Jede Schale erhält dann einen Steinsockel und ein Glasgehäuse. Sämtliche Multiples werden signiert und nummeriert.

Die edle und würdeheischende Präsentation des Schalen-Multiples verschärft die soeben aufgezeigte MehrDeutigkeit bezogen auf die Kunst: zum Luxus des Materials, der gegen die Arte povera gerichtet ist, kommt nämlich noch der Luxus der Präsentation hinzu. Einen Prototypen des Multiples können Sie im vorderen Schalterbereich sehen.

Die Installation existiert vorderhand - auch hierbei geht's ums Geld - lediglich in Projektform. Dank der exzellenten CAD-Arbeit von Vincent Geisel existiert die Installation jedoch bereits in virtueller Form, in der Form einer CAD-Simulation auf CD-Rom. Diese CAD-Simulation wird nun im Anschluß mit einem Beamer auf jene große Wandfläche projiziert. Zudem wird sie auf dem Bildschirm neben dem Schalenprototyp permanent zu sehen sein.

Damit die Installation nicht nur in virtueller Form, sondern auch in Realform existiert, gemäß ihrer ursprünglichen und eigentlichen Bestimmung, bedarf es der Subskribenten für die Multiples. Die verlockenden Subskriptionsurkunden liegen an der Schaltertheke aus, der Zeichnung harrend.

Mit diesem Hinweis, sehr verehrte Besucher, darf ich schließen und die Regie - im doppelten Sinne - Vincent Geisel übertragen. Bitte begeben Sie sich in Sichtkontakt mit der besagten Projektionswand, damit es in Kürze heißen kann: Licht aus und Film ab. Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.



<< Zurück