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Dr. Holger Lund
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Heinz Menzel (1911-1989)

Kunstverein Schorndorf

09.06.1998

von Holger Faas

Meine Einführung dient zwei Zielen und einem Nachklapp. Erstens möchte ich Ihnen die Person des Künstlers vorstellen, zweitens seine Kunst. Der angekündigte Nachklapp informiert dann kurz über die Ausstellungskonzeption.

Der Künstler inkognito - griffiger läßt sich das Besondere der Künstlerbiographie Heinz Menzels kaum zusammenfassen. Daß ein Maler Bilder malt, ist nicht weiter außergewöhnlich. Daß er sie malt, um sie nicht auszustellen schon eher. Bescheidenheit, gepaart mit strenger Selbstkritik, verhinderten, daß Heinz Menzel zu Lebzeiten seine Bilder professionell der Öffentlichkeit präsentierte.

Dabei hätte es auch ganz anders kommen können.

Geboren wurde Heinz Menzel 1911 in Halle. Mit 16 Jahren gelangt er 1927 an die Werkkunstschule Burg Giebichenstein bei Halle, die damals von dem Bauhauskünstler Gerhard Marcks geleitet wurde. Die Lust am Malen und die Freude der Mutter an den Produkten dieser Lust führten zu der Wahl dieser künstlerischen Ausbildungsstätte. Sieben Jahre verbrachte Menzel in ihr, die meiste Zeit davon in der Malklasse, gegen Ende besuchte er zudem die Fotoklasse. Und an diesem Punkt setzt die Zweiteilung seines Lebens ein: Malerei einerseits - Fotografie andererseits. Letztere wurde, als gewerbliche Fotografie, die finanzielle Basis seines Lebens.

Nach der Machtergreifung Hitlers fand der Sozialdemokrat Menzel Unterschlupf in der Fotoabteilung des kunsthistorischen Instituts in Marburg. Das Institut wurde geleitet von Richard Hamann, einem Kunsthistoriker von Weltruf. Er entsandte Heinz Menzel in die Museen mehrerer europäischer Länder, um dort Kunstwerke für kunsthistorische Zwecke zu fotografieren. Die Auslandsaufenthalte nutzte Menzel, um sich an der Akademie der Bildenden Künste in Wien restaurierungstechnisch fortzubilden; womit denn sein dritter Beruf, Restaurator, genannt wäre. Zu unterscheiden ist jedoch zwischen den öffentlichen und erwerbsorientierten Berufen - Fotograf, Restaurator - und dem "Privatberuf" Maler.

Im Laufe des zweiten Weltkriegs schwand zwar der Sinn für Kunst, dafür steigerte sich der Sinn fürs Militärische. Nachdem Heinz Menzel soldatischen Verpflichtungen entgehen konnte, wurde er schließlich doch in die Kriegsmaschinerie eingerädert, und zwar als Fotograf für das Flugtechnische Institut der Universität Hohenheim, das damals dem Reichsluftfahrtministerium unterstellt war.

Nach dem Krieg wurden Paßbilder in erstaunlichen Mengen benötigt, weshalb die Fotografie erneut erwerbsträchtige Perspektiven bot. In den ersten Nachkriegsjahren pendelte Menzel beruflich noch zwischen Restaurator und Fotografie, 1947 legte er sogar noch eine Meisterprüfung als Fotograf ab, bis er dann ab 1950 Bildstellenleiter beim Landesgewerbeamt Stuttgart wurde. Dort verblieb er bis zu seiner Pensionierung im Jahre 1972. Von da an betätigte er sich künstlerisch vorwiegend malend, fotografierend eher selten.

Von der Person nun zu ihrer Kunst.

Figur, Abstraktion und wie komme ich aus dem Dilemma? So könnten die Eckpunkte seines malerischen Werkes benannt werden. Die Diskussionen um die Kunst waren in den Nachkriegsjahren von der heftig geführten Debatte um Figuralität und Abstraktion geprägt. Die eine Seite bestand darauf, der Mensch und die dingliche Wirklichkeit müsse in der Kunst erscheinen. Die andere Seite sah in der Liquidation des Menschen und der Welt, wie sie im Krieg erfolgte, ihre Rechtfertigung für menschen- und dinglose Kunst. Wie heftig diese Debatte geführt wurde, mag die Erinnerung an die Position des Kunsthistorikers Hans Sedlmayr belegen. Sedlmayr verurteilte die abstrakte Kunst als böse, gottlose Kunst, weil sie den Menschen aus der Kunst eliminiere.

In den Tagebuchaufzeichnungen Menzels spiegelt sich diese Debatte. Einerseits schreibt er, es sei der Mensch, der ihn interessiere. Andererseits schreibt er - ich zitiere - : Mir schwebt immer vor, von einem malerischen Wert auszugehen, ihn durch einen zweiten zu steigern - im Sinne von Kontrastwirkung zu steigern - und so müsse sich eines zwangsläufig aus dem anderen ergeben. Sicher eine nicht ganz leichte Sache und etwas, das auf abstrakte Malerei hinausgehen müßte. Dieser Haltung entspricht auch Menzels Präferieren des Formalen. Er schreibt: Es ist keine Kunst, wenn es nicht formal bewältigt worden ist. Das Formale ist nämlich nicht die Fessel, die den Geist oder das Gemüt einengt, sondern das Mittel, das ihn befreit.

Gemäß der widersprüchlichen Haltung lassen sich in seinem malerischen Werk zunächst zwei Richtungen erkennen: Figürliche Malerei und abstrakte Malerei. Hinzu kommt eine dritte Richtung, die versucht, beide zu vereinen und den Widerspruch zu bewältigen. In dieser semi- oder halb-abstrakt zu nennenden Malerei liegt denn auch ein innovatives Moment seiner Kunst.

Ein Beispiel: Das Bild hier wirkt auf den ersten Blick abstrakt, bietet bei genauerem Hinsehen jedoch Gegenständliches (Palette) und eine menschliche Figur (Frau): Das Bild zeigt also den Topos Maler und Modell (für den Maler steht pars pro toto die Palette ein). Das Zentralmotiv Palette wiederum steht ein für die Möglichkeiten der Malerei und die reflexive Beschäftigung mit diesen Möglichkeiten im Medium der Malerei selbst.

Kennzeichen der semi-abstrakten Bilder ist, daß sie - oft geradezu schelmisch - zwischen Figuralität und Abstraktion oszillieren. Mit den semi-abstrakten Bildern ist Heinz Menzel zu einer eigenständigen Lösung der Problematik Figuralität - Abstraktion gelangt.

Die Ausstellung selbst bietet einen Querschnitt: Bilder mit Figuren, die charmant kubisiert sind, schelmisch semi-abstrakte Bilder und sorgfältig auskomponierte abstrakte Bilder.

Neben der Polarität Figuralität - Abstraktion beschäftigt Heinz Menzel eine weitere Polarität, nämlich die von Fläche und Raum. In seinem Tagebuch schreibt er: Ich strebe Raum an, denn Raum ist das Lebenselement, bin aber darauf aus, keinen Illusionismus zu betreiben, das heißt, die Tatsache, daß Malerei eine Sache der Fläche ist, nicht zu verheimlichen. Auch diese Widersprüchlichkeit löst er, indem er beides, Fläche und Raum, zur Geltung kommen läßt. Die Folge davon ist, daß Bildelemente immer wieder zwischen flächiger und tiefenräumlicher Wirkung oszillieren. Durch Überschneidungen von Formen und bestimmte Farbakzente wird häufig ein Vorne-hinten-Verhältnis suggeriert, das dann vom Formenkontext nicht bestätigt wird. Auf diesem Weg wird Tiefenräumlichkeit spielerisch zugleich auf- und wieder abgebaut, konstruiert und dekonstruiert.

Einen tiefer gehenden Einblick in Menzels Werk bietet der Vortrag von Cornelia Lund am Mittwoch, den 17. Juni um 20.00, hier in der Galerie. Dieser Vortrag wird zudem Verbindungen zu weiteren Kunstrichtungen wie dem Kubismus und dem Surrealismus nachgehen und die Bilder kunsthistorisch sowohl im regionalen wie auch im internationalen Umfeld situieren. Mit bestfarbigen Dias und entlang von Menzels Werken findet so zugleich ein Gang durch die Kunst des 20. Jahrhunderts statt.

Bleibt die Frage Warum ein Maler inkognito?

Die Antwort hat mit Menzels Selbstunterschätzung und seiner Unterschätzung der eigenen Kunst zu tun.

Mit einem befreundeten Maler trifft Menzel nach dem Krieg in München einen Galeristen. Dieser hört davon, daß auch Menzel male und fordert ihn auf, ihm doch einmal seine Bilder zu zeigen - darauf antwortet Menzel: Aber ich hab' doch noch gar nichts - und das, nachdem er schon über 20 Jahre gemalt hat. Ebenso verhält er sich bei den Künstlerkollegen, zu denen er Kontakt hat, namentlich Willi Baumeister, Max Ackermann, Ida Kerkovius und Fritz Winter. Da er außerdem zu Lebzeiten nicht professionell ausgestellt hat, wäre sein malerisches Lebenswerk vollkommen unbekannt geblieben, wenn seine Frau und Witwe, Ilse Menzel, sich nicht eines Tages mutigen Herzens darum gekümmert hätte.

Bleibt nun noch der Nachklapp, ein paar Worte zur Ausstellungskonzeption. Zu sehen sind Gemälde und Fotografien. Erstere hängen fein säuberlich an den Wänden, letztere befinden sich in dieser Mappenkonstruktion zum Blättern. Das rührt daher, daß die Fotografien erst vor einem Monat quasi "entdeckt" worden sind, und eine adäquate Präsentation sich nicht mehr realisieren ließ. Dennoch sollten sie Ihnen, dem Publikum, nicht vorenthalten werden. Denn die künstlerischen Fotografien Menzels fußen ebenso wie seine Gemälde auf seinem außerordentlichen Gespür für kompositionell gelungene Lösungen. Interessant ist es zudem, Malerei und Fotografie im Wechselverhältnis zu sehen. In der Fotografie bleibt Menzel hartnäckig bei Schwarz-Weiß, Farbe und Farbwirkung reserviert er also für die Malerei. Möglich, daß bei der Fotografie sein Bestreben, antiillusionistisch zu verfahren, die Hartnäckigkeit des Schwarz-Weiß bedingt hat. Nicht die reale farbige Welt und die realen farbigen Dinge in ihr sind es, die ihn interessieren, sondern Formwerte sind es, um die es ihm geht, und von denen soll keine illusionistische Farbigkeit ablenken.

Wenn Sie durch die Ausstellung gehen, werden Sie vielleicht feststellen, daß kein Bild aus der Zeit vor dem zweiten Weltkrieg datiert. Das wirft die Frage auf: Wo sind die anderen Bilder? - denn Menzel malte ja immerhin seit 1927. Die Antwort ist erschreckend - denn nach dem zweiten Weltkrieg schrieb Menzels Vater aus Halle an seinen Sohn, daß er dessen Bilder für die Dachisolierung seiner Schrebergartenhütte verwendet habe. Dort dürften sie sich heute noch befinden.

Zusammenfassend möchte ich festhalten: Es gilt hier, einen Maler zu entdecken, dessen Bilder - wie ich meine - eine Entdeckung ver- und belohnen, und dessen kunsthistorischer Rang - zwischen Baumeister, Ackermann und Kerkovius - noch zu profilieren sein wird. Dazu dient, darauf sei nochmals hingewiesen, der Vortrag von Cornelia Lund, am 17. Juni, hier. Daß die Kunstgeschichte des Südwestdeutschen Raumes neu geschrieben werden muß, glaube ich nicht; daß sie um die Kunstwerke Heinz Menzels ergänzt werden muß, davon hingegen bin ich überzeugt.



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