Dr. HOLGER LUND Home | CV | Projekte | Publikationen | Presse | Impressum |
Dr. Holger Lund
holgerlund@gmx.de


<< Zurück


Rüdiger Penzkofer - Ausstellung ....einmal

im Kulturhaus Schwanen Waiblingen

28.11.2002 Vernissage

Text von Holger Lund

Die Unvernunft der Kunst - Zu Somnambulität und Lunatik in den neuen Arbeiten von Rüdiger Penzkofer

Der Titel ist gesetzt, jetzt zur Sache:

Es bleibt eine erstaunlich Sache, meine verehrten Damen und Herren,

es bleibt eine erstaunliche Sache mit der Kunst. Dass dem so ist, lässt sich auch feststellen an der neuen, eigens für diese Ausstellung entwickelten Installation mit dem Bezeichnung Fluss. Statt blauen Wassers sehen wir einen weiße Oberfläche, nicht wässrig, mit eigentümlichen, geschlitzten Objekten, ganzen 133 Stück, plaziert auf der Fläche. Die Schlitzungen dieser Objekte sind zwar Blau gefärbt, jedoch fließen und wässrig sein wollen die Objekte auch nicht so recht. Vielmehr wecken die plastischen Objekte die Erinnerung an das hier (Brötchen zeigen). Ein Fluss ohne Fließen und brötchenhafte Objekte ohne Nährgehalt, hart, böse ungenießbar - was ist also los mit diesem Fluss und den Objekten, die sich auf ihm befinden? Weshalb mag sich ein hierfür chronisch unterbezahlter Mensch solche Mühe machen? Was treibt ihn an, diese Dinge herzustellen und anschließend auszustellen, gar unter irreführender Bezeichnung?

Hier kommt das zum Tragen, was Kunst ausmacht: sie transformiert mit aller Kraft der Unvernunft. Sind die Dinge, mit denen wir alltäglich zu tun, in der Regel hochdefiniert ein Besen ist zum Kehren da und taugt weiter nicht als Kochlöffel so verhält es sich in der Kunst just umgekehrt: die künstlerischen Dinge sind lax definiert, bedeutungsmäßig offen, weil sie nicht der Logik der Nützlichkeit gehorchen, sondern der Logik des ästhetischen Luxus. Diese Logik des ästhetischen Luxus ist nun, man ahnt es, eine höchst unvernünftige Logik, insofern dieser Luxus kein überflüssiger, sondern ein notwendiger Luxus ist ohne ihn würden wir in Höhlen leben und ausschließlich mit Fressen, Fortpflanzung und Fernsehen beschäftigt sein ? was doch eher eine unangenehme Vorstellung ist. Um uns vor genau diesen Höhlenzustand zu bewahren gibt es Kunst und Kultur. Jenseits der Nützlichkeit, jenseits klarer nützlicher Bedeutungen, dafür voller überraschender Bedeutungen und ästhetischer Präsenz. In der Kunst sind die Enden der Lenkgabel eines Fahrrades, das hat uns Picasso gelehrt, nichts anderes als Hörner eines Stieres. Das meint die Idee von Kunst als transformierender Kraft der Unvernunft.

Widmen wir uns nun dieser Kraft bei den hier ausgestellten Arbeiten.

Wer, wie ich selbst, die Freude hat, dem Werkverlauf der Arbeiten von Rüdiger Penzkofer zu folgen, der weiß, dass dieser Künstler bedeutungsmäßig immer wieder fast den Bereich des Religiösen berührt. Hier nun, bei der Installation Fluss sind es die halbkugeligen plastischen Objekte, welche die Assoziation an die Brüste der Heiligen Agathe wecken. Deren Brüste ließ ihr der üble römische Tyrann Quintianus abschneiden, weil sie sich weigerte Gott zu entsagen. Agatha trägt sie in visuellen Darstellungen stets auf einem Tablett als Mahnmal ihrer Glaubensstärke. In der Tat erinnert die Präsentationssituation der Fluss-Installation an jene der Brüste von Agathe. 133 Brüste hätte Penzkofer hier dann versammelt, reiche und furchtbare Ernte, jedoch in welcher Bedeutung? Als Trophäen eines phallozentrischen Chauvinismus etwa? Oder als drohende Ankündigung eines amazonischen Zeitalters? Mitnichten. Penzkofer weiß sich nicht nur religiöser Anwandlungen sondern auch chauvinistischer Zumutungen zu entledigen, durch nichts anderes als die Form.

Sie, die Form, ist es, die es zu betrachten gilt und einen als Betrachter weiterführt, weg vom Verdacht des Brötchens, weg vom Verdacht der religiösen Anmutung, dafür jedoch hin zum Zusammenspiel der plastischen Halbrundform mit den weiteren Rundformen, die es hier in anderen Medien - Malerei, Glasmalerei, Ton und Linolschnitt - zu sehen gibt. Im Vergleich und in der Wiederkehr runder und halbrunder Formen, weiß oder schwarz, positiv-konkex oder negativ-konkav, erschließt sich eine Kernbedeutung derselben, nämlich ihre Mondhaftigkeit, die Penzkofer auf somnambule Weise in künstlerische Fassungen zu überführen weiß.

Die Sicht des Künstlers als einer schlafwandlerisch tätigen Person, ist eine traditionsreiche und nicht nur metaphorische Sichtweise, die ihre Wurzeln in der schwarzen, drogendurchtränkten Romantik des 19.Jahrhunderts aufzuweisen hat. Doch wenn Penzkofer auch vorzugsweise morgens und nüchtern arbeitet, mein Wort darauf, so ist ihm das Somnambule als künstlerische Haltung nicht weiter fremd. Denn mit schlafwandlerischer Sicherheit arbeitet er seit Jahren an der Kristallisation von Formen und Farben. Das führt in zu einem sich ständig verkleinernden Formen- und Farbenrepertoire, ohne ihm dabei jedoch Kraft zu entziehen, sondern, im Gegenteil, dem Formen- und Farbenrepertoire Stringenz hinzufügend.

Dass besagte Stringenz in konkrete Mondhaftigkeit mündet, sei's formal-assoziativ, sei's durch den Titel der Arbeiten intendiert, sollte nicht verdecken, dass die Mondhaftigkeit zugleich Symbol des artistischen Prozesses, Symbol der Schlafwandlerei ist, mit welcher Penzkofer vorgeht. Doch nicht nur als Symbol der Schlafwandlerei erscheint der Mond in den Arbeiten Penzkofers, sondern auch als Resultat seiner Beschäftigung mit einfachen Grundformen, die er um neue Komplexitäten zu bereichern weiß.

Wie ist er also beschaffen, der Mond oder besser die Monde in Penzkofers Arbeiten? Märchenhaftigkeit signalisieren gelegentlich die Titel der Arbeiten, wenn sie, wie auch die Ausstellung insgesamt, einmal heißen, oder wenn sie es war unter diesem...Mond lauten. Märchenhaft mutet der Mond in den visuellen Werken besonders an, wenn er als schwarzer Mond erscheint, als Inversion romantischer Erleuchtung, als wundersame Umkehrung.

Nicht selten sind die mondhaften Formen allerdings in geteiltem Zustand zu sehen, mit teilenden Schnitten, Einkerbungen oder auch Erhebungen. Damit handelt es sich um Formen, deren Einheit aufgehoben, unter- oder gar gebrochen ist. Die Einheit, die just das Märchen zu garantieren schien, das ja zum guten Ende immer eine glückliche Rundung der Welt in der Heldenheirat samt ?wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute? bietet, diese Einheit des Märchens wird somit letztlich suspendiert, geteilt, aufgelöst. Reine, naive Märchenhaftigkeit ist also nimmermehr Penzkofers künstlerisches Anliegen. Vielmehr geht es um die Hinter- und Untergründe, und um die Schnitte und Teilungen. Penzkofer hinterlegt die malerischen und plastischen Rundformen des öfteren mit einer oder mehreren Glas- oder Plexiglasscheiben und verschafft damit vor allem den gemalten Monden so etwas wie einen doppelten Boden, der ihre Sichtbarkeit regelt: von transparent zu halbdurchsichtig zu deckend. Mit der Schichtung, auf die es bei den plastischen wie den malerischen Arbeiten ankommt, erfolgt entweder die Verschärfung oder die Milderung der Momente der Teilung. Das insofern, als die Teilung, je nach Transparenzgrad der Schichtungen, verstärkt oder abgeschwächt wird. Und genau dieses Verfahren der regulierten und dosierten Sichtbarkeit ist Kennzeichen von Penzkofers Lunatik: er als Künstler ist es, der das Aufscheinen und Verschwinden der visuellen Welt regelt, das ist sein Beruf. Der Künstler als schlafwandelnder Mondmacher ? eine schöne Definition seines Berufes, die uns Penzkofer mit dieser Ausstellung bietet.

Damit Penzkofer diesen Beruf ausüben kann, musste er, das verlangt das unerbittliche Gesetz der Zeit, zuerst einmal geboren werden, was mich zur Biografie des Künstlers bringt.

Das Licht der Welt: für Rüdiger Penzkofer erschimmerte es am 1962 in Stuttgart, seit diesem Tag ist er artikulationstüchtig. Seine künstlerische Artikulationstüchtigkeit vertiefte er durch autodidaktische und akademische Studien. Das Licht der Welt betrachtete Penzkofer als freischaffender Künstler anschließend von Bonn und Nürnberg aus, um es dann, seit 1990, bevorzugt von Schorndorf aus zu genießen. Ab 1993 ist er als freier Mitarbeiter des Kulturzentrums Manufaktur in Schorndorf tätig.

Sein Interesse für soziale, kulturelle und künstlerische Zusammenhänge lieferte ihm ferner die Energie, seit 1996 als Vorsitzender des Kunstvereins Schorndorf denselben als Bastion des guten Geschmackes zu halten ? was keine leichte Aufgabe ist, denn die widerborstigen Kräfte des Kleingeistes sind stets groß.

Doch vergaß Rüdiger Penzkofer darüber nicht seine eigenen Werke, im Gegenteil. Gruppen- und Einzelausstellungen beispielsweise in Göppingen, Bad Säckingen, Stuttgart, Bonn, Sydney und - Waiblingen - gaben und geben seine graphischen, malerischen und plastischen Werke zur Ansicht frei.

Freigegeben, und damit komme ich in die gedankliche Schlusskurve, wird nun auch in Kürze das Buffet, dankenswerterweise unterstützt von der Luna Kulturbar - was nochmals einige Mondaspekte in Erinnerung rufen mag.



<< Zurück