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Dr. Holger Lund
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Einbruch in den Abbruch

P.S. Ausstellung Pragsattel/Theaterhaus Stuttgart

06. Juli 1997

Text von Holger Faas

Zum Inhalt der Einführung:

1: Dank, wem er gebührt.
2: Erhellung des hier waltenden künstlerischen Konzepts.
3: Übersicht über das Tagesprogramm.
4: Schließen intimer Bekanntschaft mit den Biographien der Künstlerinnen, worauf mit gründlichen Mißinterpretationen den Kunstwerken auf den Leib gerückt wird.

1: Dank, wem er gebührt.

Platz 1 auf der Dankesliste nehmen Suso Lederle und Hendrik Hefermehl ein. Diese günstige Plazierung verdienen sie als Mäzene und Initiatoren der P.S.- Ausstellung. Im Namen der Künstlerinnen möchte ich Ihnen für ihr nimmergeiziges Engagement und für ihre rückhaltvolle Mitarbeit danken. Platz 2 gebührt dem Theaterhaus und seinem Team. Einerseits für die zur Verfügung gestellten Räumlichkeiten, andererseits für die technischen Hilfe, ohne die Ausstellung und Programm nicht in der jetzigen Form möglich wären.

Zuletzt sei all jenen gedankt, deren Mitarbeit die Ausstellung zu dem gemacht hat, was sie ist: Intelligent, komfortabel und abwechslungsreich.

2: Das künstlerische Konzept

Die Ausstellung läßt sich unterteilen in ein Trio und ein Solo.

Zum Trio gehören Isabella Moser, Claudia Hummel und Susanne Kriemann, das Solo bestreitet Sandra Hastenteufel.

Das Konzept, das in der Hauptsache das Trio entwickelte, ist gekennzeichnet durch Dynamik, Expansion und Vergeistigung.

Was die Dynamik betrifft, so erleben Sie eine Ausstellung im Höchsttempo: Vernissage und Finissage fallen zusammen, die Ausstellungsdauer umfaßt 11 Stunden.

11 Stunden lang - 11 Räume breit. Dem zeitlichen Prinzip der Raffung steht das räumliche der Expansion entgegen. Verlockend war für die Künstlerinnen von Anfang an der Gedanke, einmal nicht schweren Herzens beste Kunst wegen Raummangel daheim lassen zu müssen, sondern - im Gegenteil - einmal ungehemmt das Künstlerego sich ausdehnen und manifestieren lassen zu können.

Nach den Kennzeichen Dynamik und Expansion bleibt noch das der Vergeistigung zu erläutern: Ich bin - anteilig gerechnet - ein halbes Glas Sekt und ein Gourmethäppchen, das Sie nicht bekommen, weil eine Vergeistigung stattfand. Mit dem Budget im Kopf standen die Künstlerinnen vor der Wahl: Essen oder Action, Völlerei oder ein Programm mit Performance-Kunst. Nun, Essen kann jeder, Kunst nicht. Die Wahl fiel daher nicht schwer, und zum Trost für all jene, die diese Wahl bedauern, sei auf Claudia Hummels Servicestation hingewiesen - erkennbar an dem Muschelmarkenzeichen - bei der es Kekse in limitierter Auflage gibt.

3: Zum Programm

Eingeleitet wird es von einer Tanzperformance, für die Anne Thaeter, Tänzerin in Zürich, Bregenz und im Senegal, als Ausführende gewonnen werden konnte. Kostüme, Choreographie und Musikauswahl stammen von Isabella Moser.

Der Titel der Tanzperformance lautet Metamorphosen. Geboten wird eine kühne Mischung des Amor und Psyche-Mythos mit dem Froschkönig-Märchen und dem Phaeton-Mythos. Auf dem ersten Kostüm befinden sich schwarze Frösche, die sich auf dem zweiten zu goldenen verwandelt haben und damit zugleich die Sonnenthematik des Phaeton-Mythos ankündigen. Letzterer wird dann von einem Sonnenrad auf dem dritten Kostüm symbolisiert. Der thematische Weg des Tanzes führt also von der Erdhaftigkeit der Frösche in die Transzendenz himmlischer Sphären, der Aufenthalt darin bleibt allerdings kurz. Akustisch eingesetzte Hubschrauber nehmen mit ihren Flügeln das Sonnenradmotiv auf und akzentuieren ein mysteriöses Ende.

Im Anschluß findet eine Performance von und mit Malte Dickmann statt. In ihr geht er einer Frage nach, die uns seit Kinderjahren und schiefem häuslichem Segen beschäftigt: Was ist Ordnung, was Unordnung? Dickmann trägt diese Frage und ein Fahrrad an den berühmten Maler Vermeer heran, dessen geputzte Kompositionen zur Klärung der Frage beitragen sollen.

Wenn danach Birgit Brandlow und Markus Hepp, beide Schauspieler am Theater Ravensburg, ihren Kleinen antiken Fechtkampf aufführen, stehen wir erneut vor einem Entweder-Oder: Wie werden die beiden den feinsinnigen Anachronismus von Antike einerseits und Fechtkunst andererseits auflösen? Letztere entstand im 16. Jahrhundert in Italien.

Auf das Fechtspektakel folgt eine Modenschau von Chaos and Company, designt von Claudia Berg aus Bregenz. Zu Trommelklängen wird experimentelle Mode vorgeführt. Getanzt wird auch, und zwar ein Afro-pas de deux mit exquisiten Hebefiguren.

Wenn daraufhin Ina Brandmaier zur performerischen Tat schreitet, so wird sich gewiß mancher der Anwesenden an ihre legendäre Performance erinnern, bei der sie einen überdimensionierten Würfel vor den erstaunten Augen des Publikums zu Boden fallen ließ. Ob sie auch heute wieder mit einer derart sozialkritischen Performance aufwartet, verrate ich nicht. Verratbar ist allenfalls, daß es um Kneipen in wohltemperiertem Wasser geht.

Active Artists führen im Anschluß wieder zurück zum Tanz und zum Kampf. Ihre Break-Dance-Performance besteht in einem tänzerischen Kampf, bei dem sich zwei Gruppen gegenüberstehen. Tanzgeschichtlich kommt diese Form von freiheitstrainierenden Sklaven.

Ein Film über Menschen und ihre Träume, gedreht und gezeigt von Bettina Fischer, ist der vorletzte Programmpunkt. In diesem Film erprobt ein Mädchen die halluzinatorische Wirkung von Graupuzzeln, einer Art des Puzzelns, bei der nicht die bebilderte Vorderseite zusammengesetzt wird, sondern die - meist graue - Rückseite. Das Graupuzzeln ist hierbei gleichsam eine Metapher für den gesamten Film, insofern es in ihm nicht um die Vorder- sondern die Rückseite des Lebens geht.

Zum Abschluß lädt DJ Dirty Daniela - bekannt von der Radiobar, dem Libero und dem M1 - zu Jungle und House auf die Tanzfläche. Musikalisch möchte sie subtonal auf die hier herrschende Unterweltatmosphäre Bezug nehmen.

4: Künstlerinnen und Kunst

Bevor ich die einzelnen Künstlerinnen und ihre Werke vorstelle, möchte ich das Trio als Gruppe vorstellen. In einer Zeit, in welcher der gesellschaftliche Status von Kunst rapide verfällt, und immer stärker Abgrenzung und Marktpositionssicherung in den Vordergrund treten, verblüfft es geradezu, daß mit Isabella Moser, Claudia Hummel und Susanne Kriemann drei Künstlerinnen seit Jahren erfolgreich dem Trend zur Vereinzelung widerstehen. Seit der Waldlaufperformance mit Flugversuchen 1994, seit nunmehr bald vier Jahren arbeiten das Trio mal mehr mal weniger intensiv zusammen, ohne daß es bisher ausgekratze Augen, bluttriefende Skalps oder belüftete Gedärme gab. Dazu, meinerseits, Glückwunsch.

Weitere Höhepunkte gemeinsamer Aktivitäten waren die Ausstellungen mit der Gruppe Anapaest. Acht Minuten kochend heiß, so lautete der Titel der zweiten Anapaest-Ausstellung 1995 in Stuttgart. Zu diesem Anlaß kochte das Trio - Spaghetti, gruppendynamisch, ökologisch und gesellschaftskritisch.

Um den Irrglauben der Eingeborenen dieses Landes - Kunstwerke seien keine Kartoffeln - doch noch zu kurieren, verschrieb sich das Trio weiterhin dem Thema Nahrung, so etwa bei der Gesamtausstellung der Akademie Stuttgart 1995, bei der die drei Künstlerinnen das Café ausstatteten: Vom Design bis zur Milch.

Auch heute gemahnt die bereits erwähnte famose Servicestation von Claudia Hummel an dieses heikle Thema, und auch heute gilt: Kunstwerke sind Kartoffeln bzw. Kekse.

Gemeinsam sind den dreien auch einige Stationen ihrer akademischen Laufbahnen. Alle drei besuchten die Freie Kunstschule Stuttgart und studierten an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart bei den Professoren Baumgartl und Michou, Isabella Moser und Claudia Hummel ferner noch bei Kosuth, bei dem wiederum auch Sandra Hastenteufel studierte, wenn auch nur autodidaktisch.

Die Künstlerinnen im einzelnen:

Zunächst Isabella Moser.

Besondere Erwähnung verdienen einige Ausstellungen, an denen sie teilgenommen hat. Für das Unternehmen Zukunst, ein Zugprojekt der Deutschen Bundesbahn im Jahr 1993, erdachte sie sich eine Installation, die sich mit dem Einfangen von Augenblicken beschäftigte. Im Rahmen eines Happenings, das die Künstlerin Meg Cranston 1996 in Los Angeles veranstaltete, stellte Isabella Moser einmal mehr ihre Kochkünste unter Beweis. Ebenfalls 1996 war sie mit der Klasse Kosuth im New Yorker Goethe Institut vertreten. Dort brachte sie eine Geräuscharbeit zu Ohren und eine Videoarbeit zu Augen. Mit der Klasse Henk Visch stellte sie 1997 in der Kunstraumakademie Weingarten ein Fruchtgummibild aus.

Bei den hier ausgestellten Fotografien handelt es sich vorwiegend um neueste Arbeiten, die während eines New York-Aufenthaltes entstanden sind.

Innerhalb des übergreifenden Themas der Großstadtfotografie lassen sich verschiedene Themengruppen feststellen. Was den fotografierenden Blick anzieht, sind nicht längst fotografisch überbanalisierte Monumentalbauten und Straßenschluchten, sondern verborgene Ornamente eines Lebensgefühles, das fern jeglicher glatter Fassaden steht.

Mit dem Stichwort Ornament ist bereits eine Themengruppe benannt, die hier eine besondere Rolle spielt. Der fotografierende Blick von Isabella Moser ist an den unbeachteten Mustern des Alltags interessiert. Ob Ladenwände, Steingitter oder Häuserfronten - die Bilder zeigen nicht nur Durchbrüche und Durchsichten, sie vermitteln sie auch dem Betrachter: Er gewinnt Einblick in die faszinierende Ornamentik des Alltags.

Eine zweite Themengruppe ist Nahrungsmitteln gewidmet. Genauer eingehen möchte ich kurz auf eine Dialogarbeit, bei der Weißwürste und Perlen formatgleich nebeneinander stehen. Auf dem rechten Bild wälzen sich sechs Weißwürste im angenehm warmen Wasser. Die Würste sind prall, dick und offensichtlich glücklich. Zarte Reflexe von Kerzenschimmer am Topfrand unterstützen den Effekt der Weißwurstidylle, der vorherrschende heimelige Türkiston tut das seine dazu. Auf dem linken Bild befinden sich Perlen auf einem gnadenlos rosafarbenem Untergrund. Die provokante Plazierung beider Motive offenbart geschickt, worum es eigentlich geht: Um die Statussymbole und Wunschträume des Spießers, die im schrägen türkis-rosa-Akkord unverhüllt die innere Wurstigkeit des Spießers bloßlegen.

Eine dritte Gruppe von Bildern thematisiert Läden und Textilien. Eine Konditorei, ein Vogelkäfigladen, Galerien, Kleiderläden und Gardinen erscheinen in den Bildern. Die Bilder wurden dieses Jahr bereits bei der ersten Einzelausstellung der Künstlerin in Bregenz gezeigt. Sie fand in einem Modeladen statt. Auffällig und durchdacht war dabei das sensible Eingehen von Isabella Moser auf den Ausstellungsort - ein Laden der Textilien handelt. Indem die Auswahl der ausgestellten Bilder Bezug nahm zum Ausstellungsort, kamen sie ihm zugute: Die Bilder mit Läden und Textilien reflektierten die Ladensituation und bereicherten sie zugleich ästhetisch.

Auch hier geht Isabella Moser gezielt auf die Ausstellungssituation ein, und zwar auf ihre zeitliche Komprimierung. Ihre Balloninstallation und ihre Blumenobjekte sind temporäre Arbeiten, denen - nach prachtvoller Volumizität - binnen kurzem Luft und Wasser ausgehen werden.

Claudia Hummel, wie Isabella Moser 1970 geboren, stellte gleichfalls bei dem Unternehmen Zukunst aus. Zusammen mit Susanne Kriemann installierte sie Haselnüsse und Teertropfen. Im gleichen Jahr stellte sie aus einem Hörzu-Horoskop eine ergreifende Liebesgeschichte her. 1994 und 1995 standen für sie ganz im Zeichen der Seife. Mehrere Seifenkollektionen entstanden. Für eine dieser Kollektionen schnitzte sie Suffixe in Seifen. Noch heute kann der glückliche Besucher ihrer Wohnung sich die Hände zum Beispiel mit einer -ismus-Seife waschen.

In der heutigen Ausstellung brilliert sie mit drei großformatigen Fotos zu dem heiklen Thema Baufinanzierungsmodelle. Sämtliche Fotos sind mit starken Unschärfen aufgenommen, was generell ein ungünstiges Licht auf Bausparverträge wirft. Steht das Eigenheim mit dem unabkömmlich rotleuchtenden Dach auf dem ersten Foto noch auf sicherem Grund, so schwebt es auf dem zweiten bereits gegen Himmel. Hier macht sich die Schwäche des Bauherrenmodells bemerkbar. Echt Dramatisch wird es allerdings im dritten Bild: Hier ist besagtes Eigenheim bereits auf orbitaler Umlaufbahn angelangt. Sämtliche Finanzierungslücken treten spätestens jetzt klar zu Tage. Vom Eigenheim zum Traum vom Eigenheim - das ist der Weg, der hier per Antiklimax zurückgelegt wird.

Daran ändert auch die Form des Pseudo-Tryptichons nichts. Auf die ehrwürdige Altarbildform wird durch die Dreiteiligkeit angespielt. Da aber das mittlere Bild gerade nicht deckungsgleich ist mit beiden Seitenbildern, und alle drei zudem nicht direkt nebeneinander stehen, entsteht nur ein Pseudo-Tryptichon. Auf diese Weise - in der Differenz zur gläubigen Kirchenform - wird deutlich: auch beten hilft nicht weiter. Was bleibt, ist die evidente Mahnung: Vorsicht bei der Eigenheimfinanzierung!

In scharfer Form wird auch die Auseinandersetzung mit H0-Bastlern geführt. H0, für alle Modelleisenbahnfremden, ist eine Größenangabe für Modelleisenbahnen und ihr Zubehör. Claudia Hummel begab sich selbst in die Welt des H0-Bastelns und die Resultate dieser Expeditionen sind hier zu sehen. Der durchschnittliche H0-Bastler ist auf Komplexitätsreduzierung aus (um mit Niklas Luhmann zu sprechen), er versucht also, die gigantische Komplexität der Welt und des Lebens in ihr auf den H0-Maßstab zu reduzieren. Claudia Hummel hingegen provoziert Komplexitätssteigerung. Ihre Garten der Lüste betitelte Arbeit läßt beispielsweise an Boschs Garten der Lüste denken, ferner spielen Zirkus-, Safari- und Paradiesmotive gewichtige Rollen. Die sich überlagernden Codes - Kunst, Spiel, Abenteuer, Religion - vervielfachen den Grad der Komplexität - und stehen damit im provokanten Gegensatz zur HO-Normalwelt, in denen sonst nur die Regeln der Niedlichkeit und Simplizität gelten.

Susanne Kriemann, 1972 geboren und somit zwei Jahre jünger als Isabella Moser und Claudia Hummel, zeigte wie diese auf der Gesamtausstellung der Akademie 1995 einige ihrer Arbeiten.

Zu sehen war eine vierteilige Fotoarbeit, die sich umfassend mit dem Grundthema Rauschzustände auseinandersetzte. Die einzelnen thematischen Aspekte lauteten: Kaufrausch, Sex, Geruchslust und Schminkwahn. Daß auch Schminken ein - wohl weiblicher - Rauschzustand sein kann, war - zumindest mir - neu.

Zentraler als die Ekstasen der Sinne sind für Susanne Kriemann jedoch die Ekstasen der Identität. Schon 1994 begann sie mit fotografischen Selbstportrait-Serien. 1995 verfertigte sie 5 Frauenportraits in wechselnden Stilen des 20. Jahrhunderts, wobei wiederum jedes der Portraits ein Selbst-Portrait ist. Ekstase der Identität meint hierbei, dem ursprünglichen Wortsinne nach, das Außersichgeraten - in letztem Fall ein zeitliches Außersichgeraten. Immer wieder kehrt Susanne Kriemann auf dieses Thema - Ekstase der Identität - zurück. So auch bei den drei großformatigen Selbstakten, die hier zu sehen sind. Die Fotos zeigen Rümpfe von menschlichen Körpern, die sich im Zustand der Anamorphose, also der Verzerrung und Deformation befinden. Mit diesen drei Akten arbeitet Susanne Kriemann an dem Thema virtueller Schönheit, womit die zeitliche Ausrichtung der Ekstase der Identität auch schon angedeutet ist, nämlich die Zukunft im Jetzt des Computers. Der Computer ist das wichtigste Arbeitsmittel für das Thema virtuelle Schönheit. Fein säuberlich lassen sich per Computer lästige Pickel entfernen und überhaupt Körpermanipulationen aller Art formgerecht durchführen. Zum Beispiel helfen, per Montage, vier eigene Hände, statt deren zwei, das widerwillige Fleisch an den rechten Platz zu zerren. Das Ganze findet bei einem bläulichen Lichte statt, eine Anspielung auf die klinische Situation der Genlabors. Das bläuliche Licht ist gleichsam ein wissenschaftliches Licht, das auf den eigenen Körper projiziert wird, zugunsten einer Identitätskonstruktion, welche die radikale Dehnbarkeit des Fleisches ausleuchtet.

Virtuelle Schönheit durch Kosmetik am Computer ist somit ein Thema, das neue ästhetische Maßstäbe setzt, weil die Ästhetik der Anamorphose, die Ästhetik der Deformation, hier identitätsbildend eingesetzt wird.

Wer nicht vor dem eigenen Körper zurückschreckt, schreckt auch nicht vor Blumen zurück. In der Tat stellt Susanne Kriemann eine ganze Reihe von Blumenfotografien hier aus. Es handelt sich um bestimmte Zuchtblumen, die mit blauem Wasser gefüttert wurden, um ihnen so ihre Blaufärbung zu verleihen. Diese blauen Blumen sind Symbole einer artifiziellen Romantik, wie sie letztlich auch in den Aktfotografien herrscht. Es handelt sich um eine Schauerromantik, die den Betrachter mit dem Spektrum einlösbarer Virtualität konfrontiert.

Nach diesem Ausflug in die Philosophie der Blumen, zu Sandra Hastenteufel, geboren 1966. Ihr erstes Atelier bildete der Stuttgarter Sperrmüll. 1989 entstand ihre erste Plastik aus einem Sandkasten, einem Liegestuhl und einem Radiator - ein geradezu klimaprophetisches Werk, wenn man zu manchen Zeiten die Nase vor die Tür streckt.

Als ich vorhin erwähnte, daß Sandra Hastenteufel autodidaktisch bei Kosuth studierte, war das nur ein scheinbarer Widerspruch, der jetzt aufgelöst werden soll. Weder zeigte sie ihm ihre Arbeiten, noch ließ sie sich etwas darüber sagen, was ja auch kaum möglich gewesen wäre. Kennengelernt hingegen hat sie bei Kosuth das professionelle Leben eines Künstlers, mithin Self-Marketing. Diese Kenntnisse machten sich 1992 bei ihrer furiosen Premiere auf der Kölner Unfair-Kunstmesse bemerkbar. Gleich in sieben verschiedenen Galerien plazierte sie ihre Fotos eines schwarzen New Yorker Jugendlichen. Die Folge war, daß der Messebesucher mehrfach mit demselben Modell konfrontiert wurde, und dieses sich hartnäckig in seinem Kopf festsetzen konnte.

Markantes Kennzeichen von Sandra Hastenteufel ist Mobilität. Nicht nur hinsichtlich ihres Doppelwohnsitzes in den Metropolen Stuttgart - New York, sondern auch hinsichtlich ihrer Präsenz auf dem internationalen Kunstmarkt. Ausstellungen und Ausstellungsbeteiligungen in Warschau, New York, Zürich und Venedig geben einen kleinen Einblick in die Multipräsenz dieser Künstlerin.

Dabei vernachlässigte Sandra Hastenteufel keineswegs die heimatlichen Gefilde. 1996 stellte sie beispielsweise ein Konzept zur Umgestaltung des Stuttgarter Hospitalhofes aus. Ziel war es dabei, den Innenhof von allem zu befreien, was die Ruhe des Auges abzulenken vermocht hätte. Türen, Treppen und Fenster sollten entfernt werden, Durchblicke zubetoniert. Hinzugefügt werden sollte vor allem eine Wacholderbepflanzung, eine Heilpflanze, die bei fortgeschrittener Gicht und Rheumatismus wahre Wunder wirke. Damit bewies sie humane Sensibilität, denn alle Besucher der Hofveranstaltungen hätten es ihr zu danken gewußt.

Auch in der niederbayerischen Kulturlandschaft ist Sandra Hastenteufel aktiv geworden. Erst kürzlich vollendete sie ihr Projekt Über Platz und andere Unendlichkeiten in Bad Griesbach. Dort befindet sich ein frischer 18 - Loch Golfplatz, den Sandra Hastenteufel mit Plastiken versah, die von einer Gruppe internationaler Künstler stammen. So können die kunsthungrigen Augen der kunstdarbenden Golfer sich bestens erbauen, zumal sie sich sonst nur mit der Kleinstplastik des Golfballes begnügen müßten. Besonders hervorzuheben ist die mutige Plastik von Markus Amm, eine drei Meter hohe Graspflanze aus Holz, Symbol des aufrichtig-vertikalen Widerstandes gegen alle Rasenmäher dieser Welt.

Golfplätze liegen Sandra Hastenteufel besonders am Herzen. Seit 1993 arbeitet sie entweder direkt an und mit Golfplätzen oder fotografiert sie. Auch hier ist sie mit einigen Aufnahmen von Golfplätzen vertreten. Was diese Aufnahmen mit ihren anderen hier ausgestellten teilen, ist die immense Ausdehnung des Raumes, in dem sich die menschlichen und tierischen Objekte wie Würmchen ausmachen, ja oft nur bei genauestem Hinsehen zu erkennen sind.

Gerade die Golfplatzbilder demonstrieren hierin ein ursprünglich romantisches Verhältnis von Mensch und ihn umgebendem Raum, man denke nur an Caspar David Friedrichs Mönch am Meer. Allerdings ist die Natur dem Menschen nicht mehr Anlaß zu sinnendem Gedankenschweifen über Macht und Rätsel der Natur, sondern die Natur ist dem Menschen Golfplatz, mithin gestutzte, domestizierte Natur. So - im kunstgeschichtlichen Widerstreit - entlarvt Sandra Hastenteufel die falsche Romantik des Golfplatzes und zeigt ihn als das, was er letztlich ist: Die Welt in Mega-H0.



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