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Dr. Holger Lund
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Akademie Schloss Solitude

Ausstellung Chan-Kyong Park und Chiharu Shiota

Einführung 20.06.2002

Text von Holger Lund

Furcht geht um in diesem Haus,

verehrte Gäste,

Furcht, dass ich mein Redemonopol gewissenlos ausnützen möge, um Sie kaltblütig zu quälen. Furcht, dass ich ihr Schweigen und Ausharren auch nach mehr als einer Stunde noch als Bannung durch Faszination interpretieren möge, und ihr gelegentliches Scharren mit den Füßen als Zustimmung deute. Jedoch: geschult an des Akademiedirektors intelligenter Kürze - den zu vertreten ich als Stipendiat für Kunstkoordination die Ehre habe - kann ich Ihnen versichern, nicht länger als kurz rednerisch zur Last zu fallen.

Zwei Künstler sind es, deren Arbeiten Ihnen zu präsentieren ich heute Abend das Vergnügen habe: Chan-Kyong Park aus Korea und Chiharu Shiota aus Japan.

Park wurde 1965 in Seoul geboren. Er studierte Kunst an der Seoul National University und Fotographie am California Institute of the Arts in Los Angeles. Chan-Kyong Park arbeitet seit 1995 als Künstler und Schriftsteller und lehrt an der Korean National University of the Arts in Seoul.

Seine Arbeiten kreisen thematisch um den Korea-Konflikt, die Teilung des Landes und dessen Folgen. Solcherart entwickelt er gleichsam eine Imagerie des Kalten Krieges, jedoch nicht als platt-plakative politische Kunst, sondern eher als politisch relevante Kunst. Das gilt auch für seine drei hier gezeigten Arbeiten, die Dia-Überblendschau im Kabinett, die Fotoserien und die Vitrine im 1. Stock.

Sets lautet der Titel der ca. 15-minütigen Dia-Überblendschau, die als zweikanalige, synchrongeschaltete Dia-Projektion präsentiert wird. Die Bedeutung des Wortes set umgreift dabei nicht allein die Dia-Sets, sondern auch das Dargestellte, Film-Sets und Militärübungs-Sets. Drei Set- bzw. Bilder-Gruppen, die aufeinander folgen, sind zu unterscheiden:

Bildgruppe 1:
Gezeigt wird ein Filmset aus dem Korean-Film Studio in Nord-Korea. Es soll Bauten und Straßenzüge von Seoul simulieren. Diese Bauten und Straßenzüge scheinen echt südkoreanisch zu sein, jedoch: es handelt sich um nordkoreanische Rekonstruktionen südkoreanischer Gebäude, die inzwischen meistenteils bereits abgerissen sind.

Bildgruppe 2:
Gezeigt werden Filmsets für den südkoreanischen Kassen-Film Joint Security Area, welche Panmunjom simulieren. Panmunjom ist ein Ort in der DMZ, der de-militarized zone zwischen Nord- und Südkorea, welche unter UN-Kontrolle und nordkoreanischer Kontrolle steht.

Bildgruppe 3:
Gezeigt werden Übungsgelände für Militärübungen in südkoreanischen Militärbasen, die wiederum Stadtelemente von Seoul simulieren, und zwar nach einem nordkoreanischem Angriff.

Die räumliche Abfolge der Sets verläuft somit von Nordkorea über die DMZ nach Südkorea, jedoch ist stets der andere Landesteil präsent, meist im Medium der Architektur, in ihr erscheint Ideologie fixiert. Als fatale Komplemente bedingen die Landesteile sich gegenseitig, als mediale Simulationen sind die Sets für Film, Kriegsfilm und Kriegsübung ebenfalls auf fatale Weise komplementär. Dass Park bei der Präsentation die Dia-Überblendschau als Medium wählt - ein Medium zwischen dem unbewegten Einzelbild und der bewegten Bildfolge des Films -, erfolgt nicht ohne Grund. Durch die mediale Stauung und Brechung des filmischen Bildflusses und durch die Brechung der Kontinuität des unbewegten Einzelbildes wird der ideologische Stau und Bruch reflektiert, der im Dargestellten, in den Film - und Militärsets, steckt.

Unter dem Titel Two Adequate (descriptive) Systems - zwei gleichwertige (beschreibende) Systeme - sind im ersten Stock zwei Fotoserien mit jeweils vier Bildern ausgestellt. Die erste Fotoserie zeigt Aufnahmen von Camp Edward, einem US-Militärcamp in Süd-Korea. Seit dem koreanischen Krieg (1950) sind Tausende von US-Soldaten in Korea stationiert gewesen. Die Fotos wurden vom Zug aus gemacht, denn Aufnahmen von Militärcamps sind verboten.

Die zweite Fotoserie entstammt einem Film mit dem Titel Mayumi. Mayumi war der Deckname für einen angeblich nord-koreanischen Geheimagenten, der dafür verurteilt wurde, dass er 1987 eine Bombe in der Korean Air Line 858 installiert habe. Bis heute halten die Spekulationen über das vermisste Flugzeug an. Mayumi arbeitet inzwischen - unter anderem Decknamen - für den Geheimdienst in Südkorea.

Der fiktionale Film Mayumi wurde 1990 gedreht, die Explosionssequenz des Flugzeugs wurde samt Spezialeffekten in Hollywood produziert. Die Portraits der beiden nord-koreanischen Regierungschefs sind manipuliert, denn das süd-koreanisches Publikum durfte diese nicht zu Gesicht bekommen. Film, Militär, Simulation und Manipulation dienen erneut als thematische Koordinaten, und adäquat, gleichwertig, sind die Fotoserien durchaus hinsichtlich der Verbote, welche die Bildproduktion flankieren. Diese selbst ästhetisiert mittels des Ifochrome-Verfahrens und dem daraus resultierenden edlen, mattsilbernen Charakter auf heimtückische Weise das, was gezeigt wird: Hinter dem insektenhaften Schillern der Bildoberfläche lauert mehr als nur der Absturz eines Flugzeuges - der Absturz einer Welt.

Die Vitrine im ersten Stock birgt eine Installation mit dem Titel Kumkang Mountain. Süd-Korea erlaubte seit 1999 seinen Bewohnern den Zugang zu dem nordkoreanischen Berg, dessen Schönheit bereits sprichwörtlichen Status erlang hat. Nordkorea erlaubte den Zugang auch, um Touristengelder abzuschöpfen. Nun ist es jedoch keinem der beiden, Nord- und Südkoreanern, erlaubt, Kontakt mit den jeweils anderen aufzunehmen. Sogenannte Sicherheitskräfte verhindern dies.

Der Text des Leporellos stammt von Baudelaire, aus dessen Poèmes en prose, und spricht von der Sehnsucht nach einem Außerhalb von der bekannten Welt. Das Foto stammt aus einem nordkoreanischem Touristenführer und zeigt den Berg.

Die künstlerischen Arbeiten Chan-Kyong Parks stehen oftmals an der Grenze zum Dokumentarischen. Doch indem er, wie bei den Fotoserien erwähnt, Bilder entschieden ästhetisiert, und indem er politische Propaganda strikt vermeidet, und indem er schließlich kurz und sachlich die politischen Vorzeichen der Bilder nennt, eröffnet er mit quasi-dokumentarischen Material einen Horizont der Ironie und Selbstnegation der jeweiligen politischen Entscheidungen, welche als Ironie der Politik diese selbst auf künstlerischem Wege ad absurdum führt.

Halten Sie sich fest, Herr Lenz! - mit diesen Worten führte Jean-Baptiste Joly, der Direktor dieses Hauses, bei einer Teamsitzung gegenüber dem ehemaligen Hausmeister das Ausstellungsprojekt von Shiota ein. Halten Sie sich fest: da wird jemand ein Klavier und Dutzende von Stühlen anbrennen, und danach ist's Kunst! Eine schreckliche Drohung, deren Wahrheitsgehalt zu überprüfen sein wird.

Chiharu Shiota wurde 1972 in Osaka geboren. Sie studierte Kunst an der Kyoto Seika University in Japan, der Canberra School of Art in Australien, der Hochschule für Bildende Künste Hamburg, der Hochschule der Bildenden Künste Braunschweig bei Marina Abramovic sowie an der Hochschule für Künste Berlin bei Rebecca Horn. Sie nahm international an Gruppen- und Einzelausstellungen teil, zur Zeit ist sie parallel zur Solitude-Ausstellung in der Ausstellung Another World im Kunstmuseum Luzern vertreten. 2003 wird sie im PS One in New York, der Triennale für zeitgenössische Kunst in Ostende sowie im Württembergischen Kunstverein in Stuttgart ausstellen.

In Silence lautet der Titel ihrer Installation im unteren Hirschgang, der sich im Untergeschoß an die Cafeteria anschließt. Ein weißer Flügel sowie zahlreiche Stühle weisen Brandspuren auf, Flügel und Stühle sind eingesponnen in ein Netz aus schwarzen Fäden.

Das Klavier hat seinen Klang verloren..., schreibt Shiota, seine Funktion (die der Klangerzeugung also), aber nicht seine Schönheit. Es ist noch schöner geworden.

Die Stillegung - im doppelten Sinne - eines Klavierflügels, sein Funktionsverlust geht einher mit ästhetischem Gewinn. Zu verdanken ist dieser dem Feuer, jener mythisch-rituellen Transformationskraft, die nicht nur reinigend wirken kann - in unserem Fall das Klavier vom Klang reinigend -, sondern auch ästhetisierend. Zum einen, indem eine paradoxe Musik der Stille propagiert wird - wer im Stande dazu ist, der möge sie hören. Zum anderen erfolgt eine Ästhetisierung, indem die funktionale Nutzung blockiert ist und daher Form-, Farb- und Geruchswerte in den Vordergrund rücken sowie das durch den Brand freigelegte Innenleben des Flügels. Dieses weist mit seinen gerissenen Saiten, die teils parallel, teils über Kreuz verlaufen, jene Struktur auf, die um den Flügel herum mit den schwarzen Wollfäden gebildet worden ist, durchaus als Abbild und vergrößerte Externalisierung des Innenlebens des angebrannten Flügels.

Als eine Art dreidimensionale Zeichnung strukturiert das Fadengespinst den Raum mit seiner rhizomatischen Gliederung und verweist auf den ausschweifenden Charakter der Musik der Stille. Rhizomatisch ist ein ursprünglich aus der Biologie stammendes Fremdwort, das Erklärung verdient. Deleuze und Guattari gebrauchen es im philosophischen Sinne, um eine chaotisch wirkende, wuchernde Struktur zu beschreiben, wie beim Rhizom, der nach allen Seiten austreibenden Kartoffel.

Was hat es nun, so mag man sich, Rhizom hin oder her, weiterhin fragen, mit der Musik der Stille auf sich? Ist sie ein Affront gegenüber den Komponisten unter den Stipendiaten? Eine Sehnsucht nach 0 Dezibel angesichts der Neuen Musik? Ein Grausen und Leiden gar unter ihren Tönen? Nein. Mitnichten. Vielmehr handelt es sich um eine elegante Musikalisierung von Duchamp. Dieser hartnäckige Kunstverweigerer hat für die Ausstellung First Papers of Surrealism mit Werken von Surrealisten 1942 in New York bereits ein raumfüllendes Fadengespinst mit dem Titel Sixteen Miles of String (Sechzehn Meilen Faden) entworfen (Abbildung zeigen). Und just dieses musikalisiert Shiota, konsequent im Geiste Duchamps, nicht kunst- dafür jedoch musikverweigernd. Schöner war Duchamp, dieser Rhizomist des Denkens, bisher nicht zu hören.

Die Phalanx der Musikverweigerer näherte sich bislang von zwei Seiten malträtierend dem Klavier: von Seiten der Dadaisten und Surrealisten, die etwa einem Flügel einen toten Esel auf die Tastatur legen, und von Seiten der Neuen Musik, wo der Flügel noch Glück hat, wenn etwa Cage lediglich einen nichtspielenden Pianisten vor ihn plaziert, um so die Musik der Stille zu zelebrieren, und das Instrument nicht sofort Opfer von Äxten und Sägen wird oder gar vollends aus dem Fenster fliegt wie bei der sogenannten Aktionsmusik von Nam June Paik oder den Fluxus- und Zeroaktionen. »Das Klavier ist ein Tabu. Es muß zerstört werden.«, so formulierte Nam June Paik den antibürgerlichen Gestus.

Gegen diese destruktiven Impulsen der Musikverweigerer setzt Shiota allerdings einen konstruktiven Impuls. Durch den Brand wird das Innenleben, die Struktur des Flügels freigesetzt, und dann externalisiert, vergrößert und fortgesetzt mit dem Fadengespinst, so dass die musikalische Entfunktionalisierung sich in eine visuelle Ästhetisierung verwandelt. Phönix aus der Asche ? - Shiota gelingt mit dieser Arbeit in der Tat die Umsetzung des mythischen Gedankens.

Vom Mythos zur angenehmen Realität der Gegenwart, mithin zur Cafeteria - dorthin erlaube ich mir zum Schluss, ihre Gedanken zu lenken, wenn sie der Stärkung bedürfen. Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.

© Holger Lund

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